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Affären – eine transatlantische Liebesgeschichte
 Autor: Alison Lurie  Verlag: Diogenes  Seiten: 443  Übersetzer/in: Otto Bayer
Beschreibung:

Dieses Buch stand schon lange in meinem Regal, ich hatte es mir besorgt, als ich einmal über eine Liste aller Pulitzer-Preisträger gestolpert bin, in die sich Alison Lurie 1985 mit diesem Roman einreihte. Der Klappentext beginnt so: «Menschen, die allein ins Ausland reisen, sind empfänglich für unge­wöhnliche Lieb­schaf­ten – für Affären. Fern unserer vertrauten Umgebung … fallen wir oft Leuten in die Arme, denen wir zuhause nie begegnen, und wenn doch, sie dann wahrscheinlich nicht mögen würden. Aber dabei erfahren wir oft viel über uns selbst.»

Die 54-jährige Professorin an der Ivy-League-Universität in New York, Virginia (Vinnie) Minner, hält sich selber für «alt, klein, unattraktiv und nicht verheiratet – ein Mensch, den alle übersehen». Ein Forschungsstipendium ermöglicht ihr einen sechsmonatigen Aufenthalt in Lon­don. In dieser Stadt hat sie sich schon immer geborgen gefühlt, sie trifft sich mit alten Freunden und widmet sich ihrem Projekt, dem Zusammentragen und Analysieren von Kin­derreimen. Ebenfalls in London landet ihr junger, attraktiver Kollege Fred Turner, der pleite ist, sich gerade von seiner Frau getrennt hat und sich im kalten und nassen London seiner Misere hingibt. Zumindest am Anfang. Keiner der beiden ist auf eine Affäre aus, doch Fred verliebt sich unsterblich in eine schöne und unbeständige Schauspielerin – und damit auch in England – während Vinnie ausgerechnet von einem ungehobelten Cowboy aus Oklahoma umworben wird, der im Flugzeug neben ihr sass und dem sie, um ihn zum Schweigen zu bringen, ihr Buch «Der kleine Lord» ausgeliehen hat. Ohne zu ahnen, dass dies eine stille Verbindung zwischen ihnen schafft.

Liebevolle Komödie mit Tiefgang
Diesen beiden Figuren folgen wir im Roman durch die nächsten paar Monate, witzig und geistreich, aber auch tiefsinnig und intelligent von Alison Lurie gezeichnet. Vinnie macht es einem anfangs nicht leicht, sie zu mögen, doch mit der Zeit entwickelt sich diese schlecht gelaunte, unscheinbare Wissenschaftlerin voller Selbstmitleid zu einer ungewöhnlichen und über­raschenden Figur, die erkennen muss, dass sie dem Leben doch nicht so abgeklärt gegen­übersteht, wie sie das gerne möchte. Auch das Bild, das sie und ihr vom Leben verwöhnter Kollege Fred Turner sich anhand der englischen Literatur von England zurechtgezimmert haben, bekommt Risse. Mit einer großartigen Mischung aus Sarkasmus und liebevoller Sym­pathie für ihre Figuren lässt die Autorin die 70er Jahre im Künstler- und Intellektuellenmilieu auferstehen und führt die Leser durch ein Gewusel von Schrullen, Vorurteilen, Eitelkeiten, Lebenslügen und echten Gefühlen. Die scharfe Beobachtungsgabe, der kritisch-argwöhnische Blick und der liebevolle, manchmal englisch-trockene Humor machen diese literarische Ko­mö­die mit Tiefgang zu einem Lesevergnügen. Ein wenig mutet Alison Lurie wie eine moder­ne Jane Austen an, denn am Schluss erwischt die Liebe auch die Resignierten und die Kopf­gesteuerten. Nur das Ende hätte Jane Austen wohl etwas anders erzählt …

Alison Lurie war für mich eine Entdeckung, und ich werde sicherlich noch mehr Romane von ihr lesen. Leider wird sie nicht mehr neu aufgelegt, was sehr bedauerlich ist. Antiquarisch fin­det man einige ihrer Bücher aber zum Beispiel auf zvab.de