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Altes Land
 Autor: Dörte Hansen  Verlag: Penguin  Seiten: 304
Beschreibung:

Debütromane werden selten zum Verkaufsschlager, manchmal aber schon. «Altes Land» hat sich über Monate langsam und stetig das Bestsellertreppchen hoch gekämpft, um sich dann überraschend lange an der Spitze zu halten. Irgendwie sympathisch.

«Altes Land» ist eine Geschichte über Vertriebene, die in einem alten Haus im alten Land eine Heimat finden. Nach dem Krieg landet Vera mit ihrer Mutter auf der Flucht aus Ostpreussen in diesem Haus. Doch Veras Mutter denkt nicht daran, das Leben eines Flüchtlings zu führen und erobert sich den Platz an der Seite des Hoferben Karl. Später erbt Vera das Haus, doch bleibt sie zeitlebens eine unangepasste Figur. Unabhängig, rau und in sich gekehrt flüchtet auch sie auf ihre eigene Art; vor den Nachbarn, vor ihrer Herkunft und vor den Erwartungen der anderen, den Hof in Schuss zu halten. Verschroben ist sie, ein Flintenweib, hält sich heissblütige Pferde und Jagdhunde und macht aus den erlegten Rehen in der Küche gleich selber die Wurst. An ihrem Zaun hängt ein Schild mit einem Totenkopf auf gelbem Grund gegen ungebetene Besucher. Sie friert lieber, als Geld für eine Heizung aus dem Fenster zu werfen. In ihrer Nähe duldet sie nur Karl, den Kriegsheimkehrer, der nachts schreit, weil die Geister der Kriegsopfer durch die Diele schleichen. In ihrem verfallenen Bauernhaus fühlt sich Vera wie «eine Flechte»: Sie darf zwar dort leben, kann aber keine Wurzeln schlagen.

Eines Tages steht Veras Nichte mit ihrem kleinen Sohn an der Hand auf dem Hof. Geflohen auch sie, aus Hamburg-Ottensen, nachdem sie sich, als Künstlerin mehr oder weniger gescheitert, in einem Leben als ständig gehetzte Mutter wiedergefunden hat, in dem sie sich zwar nicht wirklich wohl fühlte, sich aber arrangiert hat. Aber dann sitzt ihr Mann mit der Lektorin mal wieder am Küchentisch, als Anne nachhause kommt, nur sind die beiden diesmal nackt.

Dann ist da noch Veras Nachbar, der dann eben doch eine andere geheiratet hat und fortan sein planmässiges und aufgeräumtes Leben quasi unter Veras Augen lebt. Der gefeuerte Journalist, der von seiner Abfindung eine Kate gekauft hat und auf der Jagd nach Reportagen für sein geplantes Slow-Food-Magazin einige Seitenhiebe einstecken und entdecken muss, dass das Leben auf dem Land eben doch ein wenig anders ist als in den Hochglanzmagazinen zelebriert. Und Veras kurz nach dem Krieg geborene Schwester Marlene, die ihren von Elend bestimmten Lebenshintergrund vergessen will und weder ihren Kindern noch ihrem Mann auch nur die leiseste Schwäche erlaubt.

Erzählt wird in einer Sprache, die genauso spröde daherkommt wie dieses alte Land und so wortkarg wie seine Bewohner. Da gibt es keine grossen Erklärungen. Die Bilder der tragischen Ereignisse aus der Vergangenheit entstehen aus wie zufällig erwähnten Kleinigkeiten. Am Rande blitzt da und dort auch etwas norddeutscher Humor auf. Der raue Wind des Nordens weht einem aus diesem Buch entgegen, in dem die Menschen vor sich hin flüchten und dann, beim schicksalhaften Aufeinandertreffen, doch noch irgendwie zu sich selber finden.