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Big Magic
 Autor: Elizabeth Gilbert  Verlag: Fischer  Seiten: 320  Übersetzer/in: Britt Somann-Jung
Beschreibung:

«Big Magic» hat sehr unterschiedliche Bewertungen erhalten. Das könnte nicht zuletzt am deutschen Untertitel «Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen» liegen, der in eine falsche Richtung führt. Da ist der englische Untertitel «Creative Living Beyond Fear» – kreativ leben ohne Angst – schon passender. Denn dieses Buch ist kein Schreibratgeber. Es ist kein Selbsthilfebuch mit der Aussage, dass man es ganz sicher schaffen wird, wenn man es nur lange genug versucht und nicht aufgibt. Es serviert kein Erfolgsrezept und enthält keine Übungen. Und es ist auch keine Autobiographie, wie man aus der Beschreibung «Elizabeth Gilbert vertraut uns die Geschichte ihres Lebens an» schliessen könnte. Alle Leser also, die etwas in der Art erwartet haben, sind mit dem Buch nicht zufrieden. Wer aber danach strebt, seiner Kreativität – auf welche Art auch immer – mehr Ausdruck zu verleihen, wer endlich wissen möchte, wie das mit der Inspiration funktioniert oder wer ganz einfach ein wenig von der Verbissenheit oder der Frustration, die kreativ Tätige zuweilen heimsuchen, loskommen möchte, der wird dieses Buch lieben. Denn Elizabeth Gilbert schafft es, einige Mythen zu zerstören und gleichzeitig den Leser aufzubauen und zu motivieren. Kreativität ist nicht Berufung, sagt sie, nicht Aufgabe oder gar Fluch. Kreativität ist etwas, das man geniessen kann. Etwas, das das Leben bereichert und ganz einfach Spass machen sollte. Denn nur so kann sie überleben und kommt gerne auf Besuch.

Wäre Gilbert nicht eine derart erfolgreiche Autorin, könnte man diese Behauptung als esoterisches Getue belächeln. Aber anhand vieler Anekdoten aus ihrem eigenen Leben und natürlich aufgrund ihrer eigenen Erfolgsgeschichte muss man zugeben, dass es funktionieren könnte. «Könnte» deshalb, weil es keine Erfolgsgarantie gibt. Egal, wie hart man arbeitet, wie viele Verlage man anschreibt, welche Beziehungen man hat: Es kann funktionieren, man kann entdeckt werden. Aber vielleicht auch nicht. Eine Aussage, die einem eigentlich entmutigen könnte. Stattdessen fühlt man sich auf eine stille, heimliche Weise sogar irgendwie befreit.

Aus ihrem eigenen Leben erzählt die Autorin zum Beispiel, dass sie immer gewusst hat, dass sie schreiben will. Und dass sie schreiben wird. Als Mädchen hat sie gar einen Schwur darauf abgelegt. Aber der lautete nicht «Ich werde eine erfolgreiche Schriftstellerin» oder gar «Ich werde solange schreiben, bis ich es schaffe», sondern «Ich werde immer schreiben». Grosser Unterschied. Und das hat sie getan – in der Schulzeit, während des Colleges, des Studiums und neben jedem Job, den sie hatte. Eine Vielzahl an Kurzgeschichten und ihre ersten drei Bücher hat sie so geschrieben. Und obwohl sie veröffentlicht wurden, arbeitete sie weiter in ihrem Job. Sie hat mit dem Schreiben also nicht gewartet, bis sie Zeit, Ruhe und keine finanziellen Sorgen mehr hatte, sondern sie hat geschrieben. Immer.

Besonders gefallen hat mir auch ihre Ansicht, wie das mit der Inspiration und den Ideen funktioniert. Für sie sind es Wesen, die in einer feinstofflicheren Welt um uns herumschwirren und sich gerne manifestieren würden. Ganz pragmatisch halten sie nach Personen Ausschau, die das nötige Talent und die Bereitschaft haben, dies zu tun. Finden sie eine solche Person, offenbaren sie sich (wir «haben eine Idee»), und wenn wir Ja dazu sagen, beginnt eine Partnerschaft: Wir schreiben (komponieren, tanzen, singen), und die Idee versorgt uns mit Material. Vernachlässigen wir aber unseren Teil, indem wir zum Beispiel lange nicht an der Geschichte weiterschreiben, kann es geschehen, dass sich die Idee verabschiedet und einen anderen Kandidaten sucht. So geschehen mit einer konkreten Buchidee, die später von einer anderen Schriftstellerin verwirklicht wurde.

Solche Anekdoten gibt es viele in dem Buch, aber das Wertvollste ist diese ernsthafte Leichtigkeit, die vertrauensvolle Losgelöstheit, dieses Ja zur Kreativität um ihrer selbst willen, die einem von jeder Seite entgegenspringen. Ich jedenfalls verspürte nach jeder auch noch so kurzen Lektüre in diesem Buch den Drang und die Lust, mich sofort wieder an mein Manuskript zu setzen und zu lauschen, was die Romanidee, die mich ausgewählt hat, als nächstes von mir möchte. Denn eines ist klar: Auch ich werde schreiben. Immer.

PS: Ich habe das Buch auf englisch gelesen, die deutsche Übersetzung kann ich deshalb nicht beurteilen.