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Die Giftholzbibel
 Autor: Barbara Kingsolver  Verlag: Piper  Seiten: 592  Übersetzer/in: Anne Ruth Frank-Strauss
Beschreibung:

Wenn man mich nach meinem Lieblingsbuch fragt, fällt mir dieses als Erstes ein. Ich habe es vor über zehn Jahren das erste Mal gelesen, und vor kurzem zum zweiten Mal (was ich äusserst selten tue). Das erste Mal war ich vor allem von der Geschichte beeindruckt, das zweite Mal zusätzlich von der Art, wie sie erzählt wird.

Reverend Nathaniel Price verlässt mit seiner Frau und seinen vier Töchtern Mitte der Fünfzigerjahre die amerikanische Heimat, um im Kongo zu missionieren. Erzählt wird abwechselnd von den vier Töchtern, hin und wieder kommt auch die Mutter zu Wort, nie aber der Vater. Diese Erzählweise in abwechselnder Ich-Perspektive ist in den letzten Jahren sehr populär geworden, aber mir ist noch kein Buch begegnet, in dem sie besser oder mindestens ebenso gut wie in diesem gelungen ist. Jede der vier Töchter – und die Mutter sowieso – hat eine unverwechselbar eigene Stimme, durch die ihr Charakter, ihr Temperament und ihr unterschiedliches Erleben so eindeutig zu Tage tritt, dass man auch ohne den Namen über dem jeweiligen Kapitel mühelos erkennen würde, wer da gerade erzählt. Das ist hohe Kunst.

Vollkommen naiv kommt die sechsköpfige Missionarsfamilie im Kongo an. Im Gepäck unnütze Dinge und einem gewaltigen Kulturschock ausgesetzt, versucht jede der weiblichen Figuren, auf ihre Art mit dem wilden Afrika und seinen Menschen zurechtzukommen. Am besten gelingt dies Leah, der einen Zwillingsschwester, die anfangs ihren Vater noch sehr bewundert, ihm zum Beispiel hilft, einen Garten zu bauen, in dem er mithilfe der mitgebrachten Samen Gemüse und Früchte ziehen will. Ratschläge der Einheimischen schlägt er dabei in den Wind und muss bitter erfahren, dass Afrika anders funktioniert. Am wenigsten gelingt es der Ältesten, Rachel, die mit ihren fast weissen Haaren bei den Schwarzen plötzlich die Rolle zugeteilt bekommt, die ihre verkrüppelte Schwester Ada, der Zwilling von Leah, in ihrer Heimat innehatte. Ada wiederum wird von den Einheimischen als normal betrachtet – da Missbildungen in ihren eigenen Kreisen keine Seltenheit sind.

Das alles interessiert Nathaniel Price nicht. Der fanatische, selbstherrliche Prediger hat es sich zur Mission gemacht hat, die sogenannten Wilden im hintersten Busch zu taufen und ihnen ein bibelnahes Leben zu predigen. Dabei sorgt die Sprache noch für die geringsten Missverständnisse. Viel schlimmer ist Nathans Unfähigkeit und Weigerung, auf die Familie und auf Traditionen dieses Landes Rücksicht zu nehmen. Seine Besessenheit lässt ihn nicht nur blind werden gegenüber dem Zerfall seiner Familie, er ignoriert auch die politisch immer prekärer werdende Situation. Als diese schliesslich unhaltbar wird und die Familie einen tragischen Unglücksfall erleidet, flüchtet die Mutter mit den Töchtern durch die Wirren von Lumumbas Versuchen, das Land von den Kolonialisten zu befreien und die Machtübernahme Mobutus. Doch obwohl die Familie nur knapp eineinhalb Jahre im Kongo verbrachte, kommt keine der Frauen wieder ganz los von diesem Land. Zwei finden gar ihre Zukunft auf dem schwarzen Kontinent, während die Mutter und Ada nach Amerika zurückkehren.

Dies ist nicht in erster Linie ein Afrikaroman oder ein Familienepos, obwohl es beides auch ist. Es ist vor allem eine unglaublich gut erzählte Geschichte, an deren Ende man nicht nur glaubt, die Price-Frauen allesamt wirklich zu kennen, sondern auch in Afrika gewesen zu sein. Streckenweise subtil und poetisch, kommt die Sprache zuweilen auch wortgewaltig und umwerfend daher und lässt einem tief in die Charakter der Figuren eintauchen. Man erlebt den Zerfall dieser Familie mit und kann nachvollziehen, warum jeder der Frauen den Weg wählt, den sie eben geht. Die Erzählung ist dicht, erscheint einem manchmal wie ein Gemälde, von dem man immer wieder zurücktreten und es ein wenig aus der Distanz betrachten, es ruhen lassen muss. Und so hält der Roman mit seiner gewichtigen Seitenzahl auch eine schöne Zeitlang vor. Ganz nebenbei lernt man eine Menge über die Machenschaften, die dieses Land jahrzehntelang gebeutelt haben.

Das Buch erschien eine Zeitlang unter dem Titel «Willkommen in Kilanga». Zum Glück ist es nun wieder unter dem Originaltitel «Die Giftholzbibel» erhältlich, denn was es mit dieser Giftholzbibel auf sich hat, wird erst zum Schluss des Buches auf ziemlich überraschende Weise aufgelöst.

Also: Ein fantastisches Buch – unbedingt lesen!

PS: Ich habe das Buch auf englisch gelesen – die deutsche Übersetzung kann ich nicht beurteilen.