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Die neapolitanische Saga
 Autor: Elena Ferrante  Verlag: Suhrkamp  Seiten: 2199  Übersetzer/in: Karin Krieger
Beschreibung:

Atemlos habe ich die neapolitanische Saga von Elena Ferrante (Band 1 – 4) gelesen, eines nach dem anderen, die ganzen 2199 Seiten. Schon lange ist es mir nicht mehr passiert, dass ich jede freie Minute genutzt habe, um schnell ein paar Seiten weiterzulesen, und natürlich habe ich abends immer viel zu spät das Licht gelöscht. Doch ich bin froh, habe ich gewartet, bis alle vier Bände erschienen sind. Denn die Cliffhanger am Ende der ersten drei Bücher können es locker mit amerikanischen Fernsehserien aufnehmen; sie sind kaum auszuhalten.

Viele Journalisten haben sich mit dem Erfolg dieser Saga auseinandergesetzt. So schrieb etwa Martin Ebel in der NZZ, eine solche weltweite Erfolgsgeschichte habe es in der italienischen Literatur noch nie gegeben, nicht einmal mit Umberto Ecos Roman «Der Name der Rose»; Elena Ferrantes Tetralogie sei sprachlich und erzähltechnisch noch um einiges raffinierter und agiler. Aber auch «erzählerische, gestalterische und kompositorische Qualitäten sowie psychologische Subtilitäten» hätten zum Erfolg beigetragen sowie die Tatsache, dass das Epos ein halbes Jahrhundert umfasse.

Zu Beginn der Saga erfährt die Ich-Erzählerin Elena, mittlerweile gealtert, dass ihre Freundin Lila verschwunden ist. Und nicht nur das: Mit der verbissenen Absolutheit, die sie auszeichnet, hat sie auch alle Lebenszeichen von sich getilgt, alle Spuren verwischt. Als hätte sie nie existiert. Verzweifelt tritt Elena gegen dieses Verschwinden an und beginnt, ihre gemeinsame Geschichte aufzuschreiben.

Klares Kräfteverhältnis
Schon ganz zu Beginn der Freundschaft sind die Kräfte unter den beiden Mädchen klar verteilt, wechseln sich Zuneigung und grosse Nähe mit Konkurrenz, Eifersucht und Neid ab, mit dunklen Momenten, eingebettet in die wechselseitige Abhängigkeit. Sie schwören sich, dass sie es schaffen werden, aus dem Armenviertel Rione in Neapel herauszukommen. Sie wollen «reich» werden, obwohl sie nie ganz klar definieren können, was das heisst. Elena wird von ihrer Freundin Lila angetrieben, ihre durchaus vorhandene Intelligenz und ihre Begabung zu nutzen, doch Lila gibt ihr auch immer wieder zu verstehen, dass sie ihr um Längen überlegen ist. Sie selber muss nach der Grundschule im väterlichen Schustergeschäft arbeiten und projiziert ihr eigenes Potenzial auf ihre Freundin. Fast zwanghaft bemüht sich Elena, die Ansprüche ihrer Freundin umzusetzen, indem sie sich anpasst, gefallen will, studiert und schliesslich Erfolg hat als Schriftstellerin. Doch sie zweifelt unentwegt an ihren Qualitäten, ständig im Glauben, dass sie alles nur Lila zu verdanken hätte.

Lila versucht indessen, sich im von der Camorra beherrschten Viertel ein Leben aufzubauen und geht dabei kompromisslos und unberechenbar vor. Als ihre Ideen von den Männern in ihrer Umgebung sabotiert und gestohlen werden, steigt sie über eine Heirat sozial auf, muss aber nach einigen Jahren erkennen, dass ihr Plan nicht aufgeht. Radikal wie sie ist, verlässt sie ihren Mann – ein für damals mutiger, beinahe skandalöser Schritt – landet in einer Wurstfabrik und schafft es schliesslich, sich mit der aufkommenden EDV eine Selbständigkeit aufzubauen. Wichtige Entscheidungen trifft sie im Alleingang, enthält sie auch schon mal bewusst ihrer Freundin vor oder fällt ihr damit gar in den Rücken. Im Rione, aus dem sie nur kurz herauskommt, gilt Lila als schillernde Figur, wird als Autorität akzeptiert und wickelt mit ihrer Raffinesse sogar die Solara-Brüder, skrupellose Mitglieder der Camorra, um den Finger. Erst als im letzten Band ihre kleine Tochter verschwindet, erlischt ihr Feuer.

Lilas Abgang
Obwohl diese Freundschaft die unterschiedlichen Lebenswege, die sozialen Differenzen, die politischen Unruhen, das grosse Erdbeben, Umzüge, unglückliche Ehen und einmal sogar den gleichen Liebhaber überdauert, ist sie weit entfernt von gängigen Klischees. Wie ein Pendel schwingt sie hin und her zwischen Rivalität und Solidarität, Anziehung, Ablehnung und Abhängigkeit. Doch trotz all der Brüche, Risse und Verletzungen ist diese Freundschaft die einzige verlässliche, wenn auch nicht immer beglückende Konstante im Leben der beiden Frauen.

Ob Lilas Verschwinden am Ende der Saga ein letzter Verrat an ihrer Freundin ist oder ob sie diese Entscheidung bar jeden Gedankens an andere fällt, bleibt ungewiss. Sicher ist, dass sie, gebrochen und verbittert, dem Drang, der sie seit ihrer Kindheit angetrieben hat, nachgibt: sie löst sich auf. Sie verschwindet, nicht nur aus dem Rione, sondern aus allem.

Meine geniale Freundin (Band 1), 422 Seiten
Die Geschichte eines neuen Namens (Band 2), 623 Seiten
Die Geschichte der getrennten Wege (Band 3), 540 Seiten
Die Geschichte des verlorenen Kindes (Band 4), 614 Seiten