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Ein ganzes halbes Jahr
 Autor: Jojo Moyes  Verlag: rowohlt Polaris  Seiten: 512  Übersetzer/in: Karolina Fell
Beschreibung:

Im Film «Der Pferdeflüsterer» gibt es eine Szene, bei der ich jedes Mal Rotz und Wasser heule. Ich meine nicht, ein paar Tränchen verdrücken oder ein wenig sniefen – ich meine richtig heulen, mit allem was dazu gehört. Das passiert mir selten, bei Filmen. Und bei Büchern schon gar nicht. Jedenfalls bisher nicht …

Ich war skeptisch bei dieser Autorin, vermutete eine jener hochgejubelten, vom Verlag geschickt vermarkteten Schriftstellerinnen, die gerade unglaublich «in» sind und süsse Herzensgeschichten schreiben. In der Buchhandlung blickte mich dieses Buch von einer ganzen Wand herab in mindestens zwanzigfacher Ausführung an, was bei mir die «Marketing! Marketing! Marketing!»-Alarmglocken schrillen liess. Warum ich es schliesslich doch kaufte, weiss ich nicht. Wahrscheinlich wollte ich einfach wissen, ob sich meine Ahnung bestätigen würde. Hat sie nicht. Im Gegenteil.

Worum geht es? Louisa Clark, 27 Jahre alt, hat sich ein kleines, überschaubares Leben eingerichtet: Sie arbeitet in einem Café, wohnt noch zuhause und ist seit sieben Jahren mit Patrick befreundet. Aber dann verliert sie ihren Job, und weil sie ihre Eltern und ihre Schwester, die mit ihrem unehelichen Kind ebenfalls wieder zuhause wohnt, unterstützt, ist der Druck gross, sofort wieder eine Stelle zu finden. Bei der Stellenvermittlung erfährt sie, dass ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt ziemlich bei Null liegen, und so nimmt sie eine befristete Stelle als Pflegehelferin bei einer reichen Familie an, deren 34jähriger Sohn Will vor einigen Monaten durch einen Unfall zum Tetraplegiker geworden ist. Die ersten Wochen vertreibt sie sich die Zeit an ihrer neuen Arbeit hauptsächlich mit putzen und aufräumen in einer Wohnung die bereits tiptop geputzt und aufgeräumt ist. Aber Will benimmt sich ihr gegenüber ekelhaft, motzt sie an und will nichts von ihr wissen. Verständlich, denn er war vor seinem Unfall ein erfolgreicher Geschäftsmann auf dem Weg nach ganz oben und eine Sportskanone mit einer ebenso reichen wie schönen Freundin. Nun sitzt er nicht nur im Rollstuhl und kann praktisch nur noch seinen Kopf bewegen, sondern er weiss auch, dass sich sein Zustand nur noch verschlechtern kann.

Eines Tages erfährt Louisa, warum sie wirklich bei Will arbeitet: Er hat vor ihrer Anstellung einen Selbstmordversuch unternommen und danach mit seinen Eltern eine Frist von sechs Monaten ausgehandelt. Wenn er in dieser Zeit seinen Lebensmut nicht wiederfindet, wird er zu Dignitas reisen und den Freitod wählen. Louisa ist von seinen Eltern eingestellt worden um zu verhindern, dass sich Will in dieser Zeit etwas antut. Als sie dies erfährt, bricht Louisa in Aktionismus aus. Mit allen Mitteln versucht sie, Will zu beweisen, dass das Leben auch in seiner Situation lebenswert sein kann. Dabei unterlaufen ihr viele Fehler, aber sie wächst auch über sich selber hinaus, und langsam freunden sich die beiden auf zarte Weise an. Will versucht seinerseits Louisa dazu zu bewegen, aus ihrem Leben etwas zu machen.

In dieser Geschichte habe ich vieles wiedergefunden, was eine gute Geschichte ausmacht. Ich bin mit den Figuren durch ihre Konflikte und Stimmungen gegangen, habe ihre Ängste, Hoffnungen, ihre Dickköpfigkeit und ihre Borniertheit nachvollziehen können. Ich habe beim Lesen die tickende Uhr gespürt, und ich fand mich mit meiner Meinung zu diesem heiklen Thema mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Ich war überglücklich, dass sich auch die Nebenfiguren von Louisas Erlebnissen beeinflussen liessen und so zu ihrem eigenen nächsten Schritt fanden, aber nur so weit es ihrem Charakter entsprach. Ganz besonders beeindruckt war ich davon, wie die Autorin die Gründe für das, was in der Geschichte geschieht – zum Beispiel, warum Louisa sich nicht wirklich ins Leben hinaustraut – dem Leser nach und nach enthüllt, und zwar für mich immer genau zum richtigen Zeitpunkt. Als ich mich beim Lesen zum Beispiel wunderte, warum Louisa eigentlich nur für sechs Monate engagiert war, erhielt ich keine drei Seiten später die Antwort.

Wie die Geschichte ausgeht, werde ich natürlich nicht verraten. Nur so viel: Es ist ein Taschentuch-Ende, aber kein Kitsch.

Das einzige Problem, das ich nun habe: Ich traue mich gar nicht an ein anderes Buch dieser Autorin heran – die können doch nicht noch besser sein, oder? Hat jemand etwas von Jojo Moyes gelesen? Ich freue mich über Kommentare!