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Elisabeth wird vermisst
 Autor: Emma Healey  Verlag: Bastei Lübbe  Seiten: 346  Übersetzer/in: Rainer Schumacher
Beschreibung:

Dieses Buch hat mich interessiert, weil es in meiner näheren Bekanntschaft einen Menschen gibt, der ebenfalls, wie die Hauptfigur in diesem Roman, mehr und mehr in die Demenz abdriftet. Und weil es – anders als z.B. «Der alte König in seinem Exil» von Arno Geiger – aus Sicht der Betroffenen geschrieben ist. Man erlebt also den Zerfall der Gedanken eins zu eins mit, und das ist der Autorin ebenso beeindruckend wie berührend gelungen.

Worum geht es? Die 82jährige Maud leidet an Demenz und lebt (noch) in ihrem Haus, wo sie von Betreuerinnen und ihrer Tochter Helen versorgt wird. Ihre ständigen Begleiter sind die gelben Notizzettel, auf die sie sich alles Mögliche notiert, das sie nicht vergessen darf oder will. Sie liegen überall in der Wohnung herum, all ihre Taschen sind damit vollgestopft. Doch manchmal ergeben selbst diese Notizen keinen Sinn mehr für Maud. Eine Notiz jedoch ist für Maud ganz klar: Ihre Freundin Elizabeth wird vermisst. Seit Wochen hat sie nichts mehr von ihr gehört, sie geht nicht ans Telefon, ihr Haus ist leer, der Garten verwildert. Maud vermutet dahinter Elizabeths Sohn, mit dem sie nicht eben das beste Verhältnis hat. Fast so schlimm wie dieses Verschwinden ist für Maud die Tatsache, dass ihr niemand glaubt; weder ihre Tochter noch die Polizei, bei der sie regelmässig auftaucht, natürlich immer im Glauben, es sei das erste Mal. Und da ihr niemand zuhört oder gar hilft, begibt sie sich eigenhändig auf die Suche. Die Zettelchen mit der Aufschrift «Ich darf das Haus nicht alleine verlassen» ignoriert – oder vergisst? – sie. Immer wieder muss ihre Tochter sie von allen möglichen Orten abholen und nachhause bringen.

Diese Irrfahrten mit Maud mitzuerleben, wie sie sich plötzlich in der nächsten Umgebung ihres Hauses verirrt, wie sie immer wieder Tee kocht und dann im Flur seltsamerweise eine ganze Reihe Tassen mit kaltgewordenem Tee findet, wie sie auch schon mal ausrastet und wie sie durch ihre Vergesslichkeit immer verletzlicher wird, das lässt einem manches Mal leer schlucken. Doch immer wieder blitzt auch Mauds starker Charakter durch. Ihr trockener Humor zeigt auf, was für eine Frau sie einmal gewesen sein muss.

In einem zweiten Erzählstrang erfahren wir, dass Maud schon einmal mit einem unaufgeklärten Verlust umgehen musste; in ihrer Jugend ist ihre ältere Schwester Sukey eines Tages mit einem Koffer verschwunden. An diese Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert sich Maud ganz klar und differenziert – eine Geschichte, die einem schon für sich allein zu fesseln vermag. Im Zusammenhang mit Mauds momentaner Situation erhält sie aber eine besondere Bedeutung und Brisanz.

Die beiden Erzählstränge laufen zunächst parallel nebeneinander her; der eine in der Gegenwart, der andere in der Vergangenheit erzählt. Doch im Lauf der Geschichte, einhergehend mit dem zunehmenden Verfall von Mauds Realität, beginnen sie sich zu vermischen. Anfangs tauchen die Namen der Vergangenheit in der Gegenwart auf, mit der Zeit dann auch Ereignisse und Gegenstände, und schliesslich treffen die beiden Ebenen da und dort direkt aufeinander. Mit diesem Stilmittel lässt die Autorin den Leser an der fortschreitenden Orientierungslosigkeit von Maud ganz direkt teilhaben. Was es mit Elizabeths Verschwinden tatsächlich auf sich haben könnte und warum niemand Maud Glauben schenkt, erfährt der Leser im Laufe der Geschichte durch subtile Hinweise und Anspielungen. Die gelungene Auflösung der beiden Geheimnisse, die auch einigen Episoden in der Geschichte nachträglich Sinn verleihen, soll hier nicht verraten werden.

«Elizabeth wird vermisst» ist ein einfühlsamer Debütroman mit einer sensiblen Thematik, gewürzt mit einer spannenden zweiten Erzählebene, die sich aber schlussendlich zu einem tragenden Bestandteil der Geschichte mausert. Der einzige Wehrmutstropfen waren für mich die Übergänge von einer Erzählebene in die andere, die jedes einzelne Mal durch einen Gegenstand, ein Erlebnis oder eine Person konstruiert werden. Das wirkt mit der Zeit gekünstelt und an den Haaren herbeigezogen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Aber bei einem Debütroman kann man über solche Kleinigkeiten sicherlich hinwegsehen.

Dieses Buch war für mich mehr als ein «good read». Es half mir zu verstehen, was in den Köpfen solcher Menschen vorgeht. Dass irgendwann ein Punkt kommt, an dem man nicht mehr argumentieren, erklären, Vereinbarungen treffen oder an den «gesunden Menschenverstand» appellieren kann, denn im nächsten Moment ist alles vergessen. Diese Erkenntnis verändert zwar die Umstände nicht, hilft aber doch ein klein wenig beim Umgang mit jemandem, dessen Welt täglich kleiner, unstabiler und bruchstückhafter wird.