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Ethan Frome
 Autor: Edith Wharton  Verlag: Marix  Seiten: 192  Übersetzer/in: Claudia Wenner
Beschreibung:

Ich lese nicht sehr oft Klassiker, und ich mag lieber dicke Bücher, ausserdem mag ich keine Geschichten, die traurig enden. Aus dem aufschlussreichen Nachwort geht hervor, wie sehr die Autorin – auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrung – der Ansicht war, man könne seiner Vergangenheit nicht entkommen. Und wer zu entkommen geglaubt hat, findet sich in einer anderen, manchmal noch viel tragischeren Unfreiheit wieder. Für mich eigentlich alles Killerkriterien. Und dennoch bin ich sehr froh, diese Geschichte gelesen zu haben; sie hat mich tief beeindruckt.

Ethan Frome ist ein Bauer in Starkfield, Massachusetts, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er ist unglücklich mit Zenobia (Zeena) verheiratet, einer misstrauischen, hypochondrischen, verbitterten, engstirnigen, ignoranten und unzufriedenen Frau, die von sich behauptet, krank zu sein und deshalb so gut wie nichts im Haushalt macht und sich nicht scheut, das hart verdiente bisschen Geld für Ärzte, Medizin und teure Bücher über medizinische Behandlungen auszugeben. Den Haushalt besorgt ihre Cousine Mattie Silver, die ihrerseits auf Zeenas Goodwill angewiesen ist, da ihre gesellschaftliche Situation aussichtslos ist; sie ist mittellos und hat keine Verwandten mehr. Die Geschichte beginnt, als Mattie bereits ein Jahr bei den Fromes lebt, und schon ganz zu Beginn wird klar, dass sich Ethan zu Mattie hingezogen fühlt. Sie verkörpert für ihn alles, was er bei seiner Frau vermisst: « … an seiner Seite, unter seinem Dach, sein Brot essend lebte ein Wesen, zu dem er sagen konnte: ‹Das ist der Orion da unten; der grosse Kerl rechts ist Aldebaran, und das Bündel dieser Kleinen – wie ein Bienenschwarm – das sind die Pleiaden …›» Als Zeena wieder einmal zu einem neuen Doktor reist und dieser ihr angeblich empfiehlt, sich eine Haushaltshilfe zu suchen, da sie gar nichts mehr selber machen solle, engagiert sie kurzerhand, ohne sich mit ihrem Mann abgesprochen zu haben, ein neues, bezahltes Mädchen, weil sie mit Mattie – und das nicht ganz unberechtigt – nie zufrieden war. Da sich die Fromes zwei Mädchen nicht leisten können, muss Mattie gehen. Schon morgen.

Unabwendbares Schicksal
Und so nimmt die Tragödie langsam ihren Lauf, die Figuren schlittern ihrem Schicksal entgegen, hoffnungslos, denn die Umstände ersticken jeden Versuch der Auflehnung im Keim. Doch dann, im scheinbar letzten Moment, haben die beiden eine verzweifelte Idee …

Die Konsequenz dieses «Fluchtversuchs» eröffnet sich erst in der Rahmenhandlung; ein geschickter Schachzug der Autorin. Die depressive Winterlandschaft, die tragische Passivität der Menschen, ihre verzweifelte Unfähigkeit, sich aus ihrem vorgeschriebenen Leben zu befreien und die Aussichtslosigkeit der Gefühle beschreibt Wharton in intensiven, atmosphärisch dichten Bildern, ohne jedoch über die soziale Struktur zu urteilen oder die Armut so gravierend darzustellen, dass sie der Geschichte im Wege steht oder sie mit Dumpfheit gleichzusetzen. Sie selber stammt aus reichen, kultivierten Kreisen, aber sie bezeichnet diese Geschichte als «das Buch, in dem ich als Schriftstellerin zu mir selber fand».

Die sprachliche Kunstfertigkeit und die Intensität dieser Geschichte hat mir gezeigt, dass Erzählmagie sogar dann ihre (erfüllende) Wirkung tut, wenn sie in ihrer ganzen Konsequenz selbst auf den leisesten Hauch eines Hoffnungsschimmers am Ende verzichtet.

PS: Ich habe das Buch auf englisch gelesen, die Zitate habe ich selber übersetzt.