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I am, I am, I am
 Autor: Maggie O'Farrell  Verlag: Tinder Press  Seiten: 290  Übersetzer/in: Deutsch: Sabine Roth
Beschreibung:

Wow – was für ein Buch! Ich habe selten (vielleicht sogar noch nie) ein derart intensives, beeindruckendes Buch gelesen. Es ist eine Memoir, aber was für eine! Nicht chronologisch erzählt, und auch nicht anhand der mehr oder weniger üblichen Stationen eines Lebens, sondern anhand von siebzehn Begegnungen («brushes») mit dem Tod. Deprimierend hätte dies werden können, beängstigend. Aber es ist ein wunderbar lebensbejahendes Buch geworden, das man atemlos lesen möchte, aber zwischendurch doch besser Luft holt.

Auf einem abgelegenen Waldweg steht der damals 18jährigen Autorin plötzlich ein Mann im Weg. Wie ein Blitz kommt die Erkenntnis, dass ihr dieser Mann vor kurzem entgegen gekommen ist und jetzt offensichtlich auf sie wartet. Und dass sie sich auf diesem Weg völlig ausser Hörweite befindet. Er legt ihr den Lederriemen seines Fernglases um den Hals, und sie weiss: Sie hat nur eine Chance, wenn sie den Impuls zu fliehen unterdrücken kann. Sie schafft es, sich mit einem locker klingenden Gespräch auf dem Weg zurück ins Dorf aus der Situation zu winden. Später erfährt sie von der Polizei, dass sich der Mann daraufhin ein anderes Opfer gesucht hat, und das war nicht sein erstes.

Zwei Jahre zuvor: Eine Gruppe Teenager im Hafenbecken, des nachts, man feiert, trinkt, ist ausgelassen. O’Farrell springt ins Wasser – und denkt zu spät daran, dass sie aufgrund einer früheren Erkrankung unter Wasser orientierungslos ist. Sie hat keine Ahnung, wo im pechschwarzen Wasser oben und unten ist, ob sie zur Oberfläche schwimmt oder von ihr weg. Panisch ändert sie immer wieder die Richtung, die Luft wird knapp, die Panik wächst.

Das Eindrücklichste daran ist, dass O’Farrell ganz ohne Pathos erzählt. Doch das scheint nicht nur der zeitlichen Distanz geschuldet, mit der sie auf diese Ereignisse zurückblickt, sondern auch ihrer inneren Reaktion darauf. Fast so, als würde allein der Körper in Panik geraten, während ein anderer Teil in ihr beinahe schon schlicht die Nähe des Todes ins Auge fasst.

Selbstverständlichkeit statt Selbstmitleid
Bei jeder der siebzehn Begegnungen erfahren wir auch, was O’Farrell zu der jeweiligen Zeit umgetrieben und beschäftigt hat, welche Reisen sie unternommen hat, welche Menschen wichtig waren. Sie lässt uns teilhaben an ihrem Leben, bevor sie dann wieder auf das Unvermeidbare zusteuert; die nächste Begegnung mit dem Tod – eine Lebensmittelvergiftung in Asien, ein Raubüberfall in Mexico … Dies tut sie mit einer lebensbejahenden Selbstverständlichkeit, als ob diese «brushes» mit dem Tod einfach zu ihrem Leben gehörten. Selbstmitleid sucht man hier vergeblich, und O’Farrells geradlinige Sprache trifft immer wieder ins Schwarze: «Der Schmerz glich nichts, was ich bis dahin kannte oder seither kennengelernt habe. Er war randlos, er war vollkommen, wie ein Ei in seiner Schale vollkommen ist. Und er war raumgreifend, ein Usurpator; ich wusste, er wollte das Ruder übernehmen, mich aus mir verdrängen wie ein böser Geist, ein Dämon.»

Mit zunehmendem Alter macht sich O’Farrell Gedanken, warum sich ihr der Tod so oft zeigt und mit welch ungeheurem Glück sie immer wieder davonkommt. Und so ist dieses Memoir mehr als eine simple Aneinanderreihung von Todeserfahrungen. Es ist eine Erkenntnis, wie absolut nicht selbstverständlich das ist, was die meisten von uns als solches betrachten; das Leben selbst, die Gesundheit, die Fähigkeit, sich frei zu bewegen, das eigene Leben gestalten zu können. Die Erzähldramaturgie ist dabei subtil, die Sprünge in der Zeit sind geschickt gewählt, offenbaren das eine oder andere, alles setzt sich mit der Zeit zu einem Puzzle zusammen. So erfährt man erst im zweitletzten Kapitel, woher O’Farrells dysfunktionaler Orientierungssinn stammt. Das wirft auf alle gelesenen Erfahrungen ein noch eindrucksvolleres Licht. Im letzten Kapitel geht es um ihre Tochter. Es ist herzzerreissend und zeigt nun unausweichlich, dass trotz – oder vielleicht gerade durch – die ständige latente Anwesenheit des Todes aus Maggie O’Farrell eine hoffnungsvolle, mutige und vor allem hingebungsvolle Person geworden ist.

Ein grossartiges Buch, grossartig geschrieben von einer grossartigen Frau, die man nach der Lektüre dieses Buchs unbedingt kennenlernen möchte.

Die deutsche Ausgabe heisst «Ich bin, ich bin, ich bin» und erschien im Piper Verlag.