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Sommerhit
 Autor: Tom Liehr  Verlag: rütten & loening  Seiten: 330
Beschreibung:

Das Cover und der Titel dieses Buches können zu der Annahme verleiten, es handle sich um leichte Kost, um einen luftig-lockeren Sommerroman. Von Tom Liehr hatte ich schon gehört, ordnete ihn aber den Autoren zu, die mehr oder weniger lustige Männergeschichten schreiben. Vielleicht tut er das auch, aber nicht nur. Mit «Sommerhit» ist ihm definitiv etwas anderes gelungen.

Worum geht es? Martin Gold, ein erfolgreicher Musiker, ist im Prolog zu einem Klassentreffen unterwegs. Schon die Art, wie die Einladung dazu erfolgte macht klar: Da ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. In Rückblenden wird dann die Geschichte dieses «Martin Gold» erzählt, der eigentlich Falk Lutter heisst, aus dem Osten stammt und früher einmal ganz anders ausgesehen hat. Ich mag Geschichten, die in Rückblenden erzählt werden. Einerseits entwickelt diese Erzählart – wenn sie gut gemacht ist – ihre ganz eigene Spannung. Andrerseits weiss man beim Lesen, dass der Protagonist überlebt hat, sonst könnte er ja seine Geschichte nicht mehr erzählen. Und das ist, je nachdem, mit welchem Drama das erzählte Leben aufwartet, doch einigermassen beruhigend.

Als Jugendlicher fährt Falk Lutter nichtsahnend mit seiner Familie aus der DDR in den endlich erlaubten Urlaub an den Plattensee. Beim Grenzübertritt wird seiner Schwester Sonja die Ausreise verweigert. Sie lassen sie zurück, vermeintlich nur für den Urlaub, sie soll bei der Tante auf sie warten. Das ist für den sensiblen 14-Jährigen sehr verwirrend. Doch im Urlaub lernt Falk nicht nur eine bisher nicht gekannte Freiheit kennen, sondern auch Karen aus dem Westen, seine erste Liebe. Doch der Urlaub endet mit einer bösen Überraschung: Falk wird von den Fluchtplänen seiner Eltern überrumpelt und muss sich bei Nacht und Nebel mit seiner Mutter in einem Camper unter der Sitzbank einbrettern lassen. Mutter und Sohn kommen im Westen an, aber der Vater hat sich entschieden, in den Osten zurückzufahren, um die Tochter zu suchen, die niemals bei der Tante angekommen ist. Sie wird jahrelang verschwunden bleiben, und diese Jahre werden für sie sehr übel sein.

Allein mit der Mutter, die von Zweifeln über ihren Schritt geplagt wird, ohne Nachricht von Vater oder Schwester muss sich Falk nun in einer Welt durchschlagen, die ihm komplett fremd ist. Er gerät in eine Schulklasse, in der er nicht nur der Aussenseiter, der Ostler ist, sondern es mit einigen der hinterhältigsten und fiesesten Charaktere zu tun bekommt, die man sich in einer Schulklasse vorstellen kann. Bei einer Klassenfahrt gerät schliesslich alles aus dem Ruder, eine hässliche Tat wird vertuscht und Falk wird von den drei Anführern der Klasse (und der Tat) auch noch vorgeworfen, gepetzt zu haben. Die Bestrafung, die sie sich für Falk ausgedacht haben, ist drastisch. Dass ihnen knapp dreissig Jahre später die Auswirkungen genau dieser Tat zum Verhängnis werden, ahnt noch niemand.

Doch Falk macht seinen Weg und ist mit seiner Musik und einem neuen Namen erfolgreich – kein Hitparadenstürmer zwar, aber er produziert solide, persönliche Alben, die sich langfristig gut verkaufen. Über die nächsten drei Jahrzehnte begleiten wir den Protagonisten durch sein ungewöhnliches Leben. Manchmal ist er ein Held, manchmal ein Verlierer, und manchmal baut er Mist. So wird zum Beispiel ein gedankenlos hingekritzeltes Liedchen von seinem Manager entdeckt und ihm, mehr oder weniger fair, abgeschwatzt. Es wird sein grösster Hit, doch Martin Gold schämt sich dafür, ist es doch so ganz anders als «seine» Musik.

Erzählt ist dies geradlinig und realistisch, es ist mitfühlend und mit grosser Menschlichkeit beobachtet, und trotz der teilweise tragischen Ereignisse – zum Beispiel um seine verlorene Schwester – will der Text nie einfach nur betroffen machen. Manchmal erscheinen wichtige Stationen im Leben von Martin Gold fast nur als eine Randnotiz, in einem Satz, beinahe im Plauderton erzählt, was ihre Wucht nur noch verstärkt. Mit einer Prise feinem Humor und einer ständigen, angenehmen Spannung steuert die Geschichte auf das Finale zu; das Klassentreffen … Das Ende ist weder kitschig noch sozialromantisch. Ich würde es «versöhnlich» nennen, obwohl ich hier den einzigen Kritikpunkt anbringe: Ein klein wenig zu plakativ sind alle bösen Jungs zu Versagern geworden und alle drangsalierten Klassenkameradinnen zu erfolgreichen, selbstsicheren Ladys. Aber wer weiss – vielleicht ist das ja im richtigen Leben manchmal auch so.

«Sommerhit» ist auf jeden Fall ein Buch, das nachhallt. Die Geschichte ist gelungen aufgebaut, die Figuren sind echt und menschlich. Sie verletzen und werden verletzt, machen Fehler und zerbrechen daran oder rappeln sich auf und finden ihren Weg. Manches lässt einem schmunzeln, anderes jagt einem einen kalten Schauer über den Rücken, und das alles ohne Effekthascherei. Ich werde sicher noch mehr von diesem Autor lesen.