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Sterbenskalt
 Autor: Tana French  Verlag: Fischer  Seiten: 598  Übersetzer/in: Ulrike Wasel
Beschreibung:

Jene, die meinen Lesegeschmack kennen, werden sich wundern, dass ich einen Krimi empfehle, denn eigentlich lese ich keine Krimis. Weil es in Krimis in den meisten Fällen um die Aufklärung des Verbrechens geht und nicht um die Erlebnisse und die innere Entwicklung der Figuren. Und das mag ich nicht. Abgesehen von der Tatsache, dass ich mich nicht gerne mit Gewalt, Lügen und dergleichen beschäftige. Das ist die Regel. Aber wie das bei jeder guten Regel so ist, gibt es auch dazu Ausnahmen. Die Krimis von Raymond Chandler zum Beispiel. Oder eben dieser hier.

Angela Wittman schrieb in der Frauenzeitschrift Brigitte über die Autorin Tana French: „Die lesende Welt ist in zwei Lager geteilt: Die einen lieben Krimis, die anderen halten sie für Zeitverschwendung. Aber alle Jubeljahre erscheint ein Buch, das Frieden schafft zwischen den Parteien.“ Dies ist ein solches Buch. Und eigentlich ist es gar kein Krimi, sondern ein verdammt guter Roman, in dem eben auch noch Verbrechen vorkommen. Was nun aber nicht heissen will, dass die Spannung darunter leidet. Allerdings entsteht sie nicht durch blutige Details oder wilde Verfolgungsjagden, sondern durch hervorragend dargestellte Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele, durch das Verhältnis der Figuren zueinander, die im Mikrokosmos einer einzigen Strasse alle tapfer die ihnen zugedachten Rollen spielen. Beinahe alle, jedenfalls.

Zur Handlung: Frank Mackey, Undercover-Ermittler, hat seit über zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Aufgewachsen im perspektivlosen Dubliner Arbeitermilieu mit einem gewalttätigen, gescheiterten Alkoholiker als Vater, einer zänkischen Mutter und vier Geschwistern, verliebt er sich als Teenager in Rosie. Die beiden beschliessen, das trostlose Leben hinter sich zu lassen und gemeinsam nach England zu emigrieren. Doch als sie ihre Pläne in die Tat umsetzen wollen, erscheint Rosie nicht am vereinbarten Treffpunkt. Frank findet einen Abschiedsbrief und glaubt, dass Rosie sich allein auf den Weg gemacht hat. Innerlich zerbrochen kehrt er seiner Familie und dem Milieu den Rücken und baut sich ein neues Leben auf. Zwanzig Jahre später taucht Rosies Koffer auf, und für Frank die Frage, ob Rosie ihn vielleicht gar nicht verlassen hat, sondern Opfer eines Verbrechens geworden ist. Er beginnt zu ermitteln und muss sich dazu wohl oder übel noch einmal in den Sumpf seiner Vergangenheit begeben.

Obwohl das Eindrücklichste an diesem Buch die Charaktere sind, ist auch die Handlung geschickt aufgebaut. Rückblenden und Erinnerungen geben dem Leser Stück für Stück die Sicht frei auf das, was schliesslich zu dem Drama geführt hat. Dass diese Rückblenden nicht chronologisch daherkommen, ist nicht nur dem Spannungsaufbau förderlich, sondern verleiht der Geschichte zusätzlich eine weitere Ebene der Authentizität – wer erinnert sich schon chronologisch?

Aber wie gesagt: Am fesselndsten sind die Charaktere. Jede einzelne Figur trägt ihre Geschichte mit sich herum, manchmal an der Oberfläche, manchmal tief vergraben, und wird von ihr bestimmt. Schicht für Schicht legt sie die Autorin frei, zeigt sie auf durch unterschwellige Konflikte, durch das Verhältnis der Figuren untereinander, das durch die Umstände auf eine harte Probe gestellt wird und dieser nicht immer standhält.

Das Gefühl, bei dieser Geschichte wirklich dabei zu sein erreicht die Autorin nicht zuletzt durch die vielen Szenen, im Sinne von „Show, don’t tell“, die jedoch nie abgenutzt, übertrieben oder gar überflüssig wirken. Ein ganz grosses Plus gibt es von mir für die hervorragenden Dialoge. Denn ist es nicht im richtigen Leben genauso, dass man die Menschen dadurch kennenlernt; durch die Art, wie sie miteinander umgehen, wie sie miteinander reden und was sie in gewissen Situationen tun? Von den Figuren in „Sterbenskalt“ muss man sich am Ende des Buches jedenfalls regelrecht verabschieden, auch wenn man nicht alle gemocht hat.

Wer also effektheischende Krimis mag, blutrünstige Pathologie-Stories oder brutale Schlägereien, für den ist dieser Krimi nichts (obwohl es auch davon einige Kostproben gibt). Wer sich aber gerne auf Figuren einlässt und sich von deren manchmal sehr menschlichen Beweggründen faszinieren lassen will, wer gerne miterlebt, wie sie sich durch alle Ereignisse, die ihnen das Leben vor die Füsse wirft bemühen, sich selbst zu bleiben (oder zu werden), den wird dieses Buch begeistern. Und mit seinen knapp sechshundert Seiten auch eine ganze Weile bei Laune halten. Und noch ein Plus: Die Auflösung ist wirklich gekonnt. Und ganz bestimmt nicht vorhersehbar.