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Unser allerbestes Jahr
 Autor: David Gilmour  Verlag: Fischer  Seiten: 272  Übersetzer/in: Adelheid Zöfel
Beschreibung:

Bücher, in denen es um Jugendliche geht, sind ehrlich gesagt nicht meine erste Wahl. Da ich selber keine Kinder habe und meine eigene Jugendzeit schon einige Jährchen zurückliegt, sind meine Welt und die Welt von Jugendlichen nicht gerade gute Nachbarn. Ich weiss also nicht mehr, warum ich auf dieses Buch gestossen bin. Heute bin ich dankbar dafür.

Der Klappentext lautet so: „Eltern sind auch nur Menschen. Und was macht man mit einem Sohn, der nicht mehr in die Schule gehen möchte? David, der Vater, hat eine ungewöhnliche Idee. ‘Unser allerbestes Jahr’ erzählt die wunderbare und wahre Geschichte darüber, wie Mut und Vertrauen belohnt werden, wie Zeit und Zuneigung Leben verändern können.“

Ein Jugendlicher, 16 Jahre alt, möchte also nicht mehr zur Schule – das allein ist ja noch nichts Ungewöhnliches. Dass sein Vater, bei dem er momentan lebt, ihn aber nicht dazu zwingt, ja nicht einmal versucht ihm zu erklären, warum es besser wäre, er würde es tun, das ist doch recht speziell. David Gilmour – denn die Geschichte ist die seines Sohnes und sich selbst – begreift eines Sonntagnachmittags, nachdem er vergeblich stundenlang mit Jesse Latein gebüffelt hat, „dass wir den Schulkampf verloren hatten.“ Er macht ihm ein Angebot: Jesse muss nicht mehr zur Schule, muss auch nicht arbeiten oder Miete bezahlen. Aber er muss mit seinem Vater zusammen (der Filmkritiker ist) wöchentlich drei Filme anschauen, die sein Vater aussucht. „Das ist die einzige Form von Ausbildung, die du bekommst.“ Und Drogen sind tabu.

Das Buch ist nun aber keine Abhandlung über die Kino- und Filmgeschichte, obwohl ein Kinogänger ganz nebenbei einige interessante Dinge erfährt und sich die Filme durch das ganze Buch ziehen. Aber David geht es vor allem darum, Zeit mit seinem Sohn zu verbringen, mit ihm in diesem heiklen Zustand im Gespräch zu bleiben, einen gemeinsamen Punkt zu finden. Und bei drei Filmen pro Woche sind es Hunderte von Stunden, die sie gemeinsam auf dem Sofa verbringen.

Parallel zu den Geschichten in den Filmen wartet auch das Leben der beiden mit Geschichten auf. Jesse verliebt sich in ein Mädchen, das der Vater von Anfang an durchschaut und mitansehen muss, wie sich sein Sohn durch seine eigenen schmerzhaften Erfahrungen quält. Dabei schafft er es sogar, sich “Ich habe es dir ja gesagt” und andere Weisheiten zu verkneifen. Er selbst hat sich mit einer unsicheren beruflichen Zukunft auseinander zu setzen, denn seine Freiberuflichkeit – auch eine Entscheidung – will nicht so recht klappen. Und manchmal baut er auch richtig Mist: Als er die Zusage für einen grösseren Auftrag erhält, lädt er seine Frau und Jesse zu einem Urlaub nach Kuba ein. Als sie zurückkommen, ist der Auftrag weg. Und das Geld auch. Auch Erwachsene sind nicht perfekt.

Sehr erfrischend empfand ich auch, dass dem Leser niemals weisgemacht wird, Entscheidungen dieser Art würden einmal getroffen und damit hat sich’s. Immer wieder überkommen den Vater Zweifel: „Aber was ist, wenn sich nichts tut? Wenn ich ihn in einen Brunnen geworfen habe, von dem es keinen Ausgang gibt, nur einen beschissenen Job nach dem anderen, mit beschissenen Arbeitgebern und kein Geld und zuviel Alkohol? Was ist, wenn ich dafür den Boden bereitet habe?“

Doch genau auf diesen Zweifeln kann sich die Vater-Sohn-Beziehung entwickeln. Durch Liebeskummer, Arbeitslosigkeit, Zukunftsängste und Erinnerungen baut sich allmählich das Interesse und die Neugier am anderen auf. Sich gegenseitig Schwächen und Fehlschläge einzugestehen schafft Vertrauen und Bindung. Mit grosser Freude, aber auch mit Wehmut sieht David seinem Sohn im Laufe der Geschichte dabei zu, wie er langsam lernt, Dinge anzupacken und zu regeln. Und er weiss, was das bedeutet: Die neugewonnene Nähe täuscht nicht darüber hinweg, dass sich Vater und Sohn in einem langen Prozess des Abschieds befinden. David ist sich im Klaren darüber, dass man „irgendwann nicht mehr viel für seine Kinder tun kann, aber man hat immer noch diesen Impuls.“

Aus dem vereinbarten einen Jahr sind letztlich drei geworden. Jesse wird erwachsen, wenn auch auf unkonventionelle Weise. In Begleitung eines Vaters, der ihm mit einer mutigen Entscheidung den Raum eingestanden hat, der nötig war. Jesse hat die Zeit bekommen die er brauchte, um herauszufinden, was er mit seinem Leben anfangen will. Der Vater kann auf drei schöne Jahre mit seinem Sohn zurückblicken, die ihre Beziehung gefestigt haben, ohne sie einzuengen. Er tut dies mit einer Mischung aus Melancholie und Stolz. Und ja: Natürlich geht die Story gut aus.

Neben der schönen Geschichte hat mich vor allem die Sprache des Buches überzeugt. Hier ist einer am Werk, der schreiben kann (David Gilmour ist Journalist und Schriftsteller). Einer, der die Sprache nie missbraucht, um zu beschönigen oder den Leser zu beeindrucken. Gilmour weiss ganz einfach, wie er mit Sprache erzählen kann, was er erzählen will. Ganz besonders wohltuend kommt das in den authentischen Dialogen zum Vorschein. Dialoge zwischen einem unsicheren Jugendlichen und einem manchmal ebenso unsicheren Erwachsenen. Dialoge also, die auf zerbrechlichem Grund gebaut sind.

„Unser allerbestes Jahr“ ist eine warmherzige, liebevolle und weise Geschichte, klug und unsentimental erzählt. Und das schönste daran: Sie ist wahr.