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Was man von hier aus sehen kann
 Autor: Mariana Leky  Verlag: DuMont  Seiten: 320
Beschreibung:

Jemand sagte über dieses Buch, es fühle sich an «wie warmer Kakao und Wollsocken bei Regen». Das stimmt. Was man von hier aus sehen kann ist mein Lese-Highlight dieses Jahres. Es erzählt die Geschichte einer Dorfgemeinschaft im Westerwald und deren Zentrum Selma, der Grossmutter der Ich-Erzählerin Luise. Immer, wenn Selma von einem Okapi träumt, kommt innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden der Tod vorbei und nimmt jemanden aus dieser skurrilen Dorfgemeinschaft mit. Dieses Mal sind es mehr als vierundzwanzig Stunden, und wenn er dann kommt, der Tod, überfällt er den Leser ebenso wie die Dorfgemeinschaft. Spätestens da wird klar, dass es sich hier, trotz des zuweilen locker-flockigen, fast klamaukhaften Schreibstils, um ein Buch mit Tiefgang handelt. Um einen Roman, der vor Liebe zu seinen Figuren und dem Leben selbst nur so strotzt, aber nie in den Kitsch abrutscht.

Ohne die Figuren, die allesamt ein wenig aus der Form gefallen sind mit ihren Macken und Kanten, wäre die Dorfgemeinschaft nicht das, was sie ist. Da ist der Optiker, der seit Ewigkeiten in Selma verliebt ist und mittlerweile eine ansehnliche Sammlung an angefangenen Liebesbriefen an sie besitzt. Luises Vater, der allen rät, «mehr Welt hereinzulassen» und schliesslich selber auf Weltreise geht. Man begleitet die Figuren mit wachsender Zuneigung, und als Luise im zweiten Teil, mittlerweile zehn Jahre älter, auf der Suche nach dem unglaublich alten Irischen Wolfshund Alaska dem buddhistischen Mönch Frederik begegnet, verliebt man sich fast selber ein wenig in ihn. Die folgende Liebesgeschichte ist eigenwillig, besteht aus ganz viel Warten und Zögern und muss sich mit einer tief verwurzelten Verstockung auseinandersetzen.

Das alles erzählt die Autorin schlicht und direkt und schafft es, damit eine ganz eigene Poesie und einen ganz eigenen Witz zu erschaffen, auf denen die Weisheit wie ein sanfter Wind daherkommt. Manche Sätze möchte man markieren, oder besser noch ausschneiden und einrahmen. Mit einer Mischung aus Tiefgang, Witz, Skurrilität behandelt die Autorin die grossen Themen fast wie nebenbei und verleiht ihnen dadurch auch eine stille Tragik. Immer wieder haben mich ihre Sprachbilder umgehauen; die Kutte, die über dem Stuhl hängt wie ein ohnmächtig gewordenes Gespenst oder der Reisewecker, der vermutlich deshalb so laut tickt, weil er nie auf Reisen gewesen war und mit dem Ticken auf sein verpfuschtes Leben aufmerksam machen wollte. Einfach herrlich. Und ganz wunderbar: die bezauberndste Liebesszene, die ich je gelesen haben.

Dieses Buch ist ein Genuss, und es lässt einen mit einem versöhnlichen Gefühl zurück, es ist Seelenbalsam – unbedingt lesen!