So manches, was monatlich erscheint, gibt einmal im Jahr eine Doppelnummer heraus, zum Beispiel einige Zeitschriften in den Sommermonaten. April und Mai sind zwar noch nicht wirklich Sommer, aber da sich erstens das Thema des Aprils bis weit in den Mai hineingezogen hat und ich zweitens Ende Mai umgezogen bin und daher weniger Zeit zum Lesen hatte, habe ich mich entschieden, die beiden Monate zusammenzulegen. In den Büchern aus April und Mai geht es um Frauen – um aussergewöhnliche, bemerkenswerte oder auch vergessene Frauen. Von sechs angefangenen Büchern – eines war mit über 600 Seiten ein richtiger Schmöcker – habe ich zwei abgebrochen. Insgesamt kam ich in den beiden Monaten auf 1858 Seiten.

Das Damengambit von Walter Tevis (414 Seiten)
übersetzt von Gerhard Meier

Das Damengambit war ein fulminanter Start ins Thema. Die Originalversion The Queen’s Gambit erschien bereits 1983, die deutsche Übersetzung erst nach dem durchschlagenden Erfolg der gleichnamigen Netflixserie, die ich aber nicht angeschaut habe. Schön ist, dass man von Schach nichts verstehen muss, um das Buch geniessen zu können.

Erzählt wird die Geschichte von Beth Harmon, die mit sechs Jahren in ein Waisenhaus kommt, nachdem ihre Mutter tödlich verunglückte; einen Vater gab es schon lange nicht mehr. Beth fühlt sich hässlich, ist unsportlich und unglaublich einsam. Einzig die um einige Jahre ältere schwarze Jolene nimmt sie unter ihre Fittiche. Aber diese Beziehung gestaltet sich schwierig und unstabil. Wie damals anscheinend üblich, wurden den Kindern neben Vitamintabletten auch Beruhigungspillen verabreicht, und Beth erkennt rasch, wie gut diese über so manche unangenehme Situation hinweghelfen.

Eines Sonntags entdeckt sie, während sie sich aus dem Gottesdienst weggestohlen und in den Keller geschlichen hat, dass der Hausmeister Mr. Shaibel auf einem Brett Figuren umherschiebt. Sie ist völlig fasziniert und liegt Mr. Shaibel so lange in den Ohren, bis er ihr dieses Spiel mit den weissen und schwarzen Figuren auf weissen und schwarzen Quadraten beibringt. Ihr Verstand stürzt sich obsessiv darauf; selbst nachts, wenn sie nicht schlafen kann, spielt sie vor ihrem inneren Auge Partie um Partie. Sämtliche Informationen, die sie über das Spiel und verschiedene Schachpartien bekommen kann, saugt sie förmlich auf. Zuerst übt sie mit Mr. Shaibel und schlägt ihn bald zuverlässig. Als er ihr stärkere Gegner vermittelt, besiegt sie auch diese. Von den Verantwortlichen im Heim wird sie nicht gefördert, im Gegenteil: Als Strafmassnahme für einen Unfug erhält sie ein komplettes Schachverbot. Erst als sie als Jugendliche doch noch adoptiert wird, kann sie ihre Leidenschaft wieder ausleben. Der Adoptivvater macht sich vom Acker, die Adoptivmutter aber unterstützt Beth von dem Moment an, als sie erkennt, dass man mit der Teilnahme an Schachturnieren Geld verdienen kann. Fortan reisen die beiden gemeinsam von Wettbewerb zu Wettbewerb, die Beth alle gewinnt, nicht zuletzt dank ihrer Visualisierungs- und Konzentrationsfähigkeit und ihrem eisernen Willen.

Nur Verlust haut sie um
Jede freie Minute beschäftigt sich Beth mit Schach, studiert die Partien der grossen Meister. Immer kompromissloser wird ihr Ehrgeiz, sie spielt gegen den amerikanischen Meister, gegen Grossmeister, und schliesslich will sie nach Russland, zu den ganz Grossen. Doch dann stirbt ihre Adoptivmutter, Beth stürzt in eine tiefe Krise. Denn das Einzige, womit sie nicht umgehen kann, ist Verlust, sowohl beim Schachspielen als auch im Leben. Plötzlich bricht die Einsamkeit wieder über sie herein, denn sie hat nie gelernt, wie man Beziehungen zu Menschen aufbaut. Mit den Themen Freundschaft, Beziehungen, Sex ist sie völlig überfordert. Auch die Tatsache, dass sie an fast allen Turnieren die einzige Frau ist, zeigt ihre Einsamkeit auf. Mittlerweile hat sie den Alkohol entdeckt und flüchtet in ihn genauso obsessiv, wie sie Schach spielt. Zum Glück ist sie aber klug genug um zu erkennen, dass Tabletten und Alkohol ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Und schliesslich hat sie ja noch ein grosses Ziel: nach Russland zu reisen und sich dort mit dem Weltmeister zu messen.

Wie bereits erwähnt, muss man, um das Buch geniessen zu können, über keinerlei Schachkenntnisse verfügen. Obwohl im Buch viel Schach gespielt wird und Beth alleine oder mit Unterstützung viel trainiert, wird das spannend erzählt und mit den jeweiligen Umständen, in denen sich Beth befindet, verwoben. Walter Tevis erzählt die Geschichte, passend zu Beths Charakter, recht nüchtern und emotionslos, was zeitweise aber einen starken Sog entwickelt. Er verzichtet auf übertriebene Dramatik und kommt mit wenigen Klischees aus. Beth ist, obwohl Genie, weder abgehoben noch unglaubwürdig. Ihr extremer Ehrgeiz und ihre Versessenheit auf das Schachspiel und vor allem auf das Gewinnen waren mir zeitweise zwar etwas fremd. Allerdings hat mir der Autor glaubhaft vor Augen führen können, warum Beth so geworden ist, wie sie ist, und wie schwierig es für sie war, den Umgang mit ihren Gefühlen zu lernen. Das Damengambit war, insbesondere nach dem zermürbenden Lesemonat März, ein Lesegenuss. Walter Tevis habe ich mir gemerkt – mal schauen, was er sonst noch geschrieben hat.

Die Diplomatin von Lucy Fricke (254 Seiten)

Nach Lucy Frickes Roman Töchter habe ich mich sehr auf Die Diplomatin gefreut. Aber oh weh! Ich bin damit überhaupt nicht warm geworden und habe das Buch nach 127 Seiten abgebrochen.

Friederike Andermann, von allen nur Fred genannt, hat eine steile Karriere im diplomatischen Dienst hingelegt und ist noch keine 50, als sie nach Montevideo als Botschafterin berufen wird. Dort begeht sie aufgrund einer Fehleinschätzung einen grossen Fehler, die Entführung einer deutschen Promitochter endet tödlich. Fred wird zurück nach Berlin beordert und zwei Jahre später als Konsulin nach Istanbul geschickt. Auch dort gerät sie in politische Schwierigkeiten, als sie von türkischstämmigen deutschen Staatsangehörigen um Hilfe gebeten wird. In Istanbul begegnet sie auch dem Journalisten David wieder, der schon in Uruguay eine Rolle spielte.

Die Tiefe fehlt
Schon im ersten Teil des Buches, der in Montevideo spielt, machte sich bei mir eine leichte Enttäuschung breit. Im Gegensatz zu Töchter ist der Schreibstil hölzern und flach, nur ab und zu blitzen stilistische Highlights und Pointen auf. In Montevideo geht es mehr oder weniger um die Beschwerlichkeiten des Lebens am Ende der Welt. Gefühlt tagelang ist Fred damit beschäftigt zu entscheiden, welche Würste und welche Tischdekoration für die Feier zum Tag der deutschen Einheit bestellt werden sollen. Das ist ziemlich albern. Die tragisch endende Entführung der Promitochter erscheint hingegen fast nebensächlich. Lucy Fricke schafft es nicht, die emotionalen Auswirkungen auf die Protagonistin glaubhaft zu vermitteln.

Überhaupt bleibt Fred eine Figur ohne Tiefe. Über die Arbeit als Diplomatin erfährt man kaum etwas, ausser dass Fred ein einsamer Mensch ist. Es wird behauptet, sie verliere im Laufe der Geschichte ihren Glauben an die Diplomatie. Allerdings konnte mir die Autorin nicht vermitteln, dass dieser Glaube und diese Begeisterung jemals vorhanden gewesen sind. Daher ist auch deren Verlust uninteressant, die Affäre mit dem Journalisten kommt fade und ungelenk daher. Zwischen den Kapiteln fehlt zuweilen die Verbindung, die Figuren wirken stereotyp und die Aufgaben im diplomatischen Dienst erscheinen klischeehaft. Grundsätzlich fehlt es der Geschichte an Atmosphäre und Intensität. Fazit: Die Diplomatin ist ein Buch, das man schnell wieder vergisst, wenn man es denn überhaupt zu Ende liest.

Eine Frage der Chemie von Bonnie Garmus (462 Seiten)
übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Auch auf dieses Buch war ich sehr gespannt, denn erstens gefiel mir die Thematik – gebildete Frau in den Sechziger Jahren wird nicht gefördert und sucht sich einen anderen Weg – und zweitens wurde es hochgelobt, auch von Denis Scheck. Letzteres ist allerdings keine Garantie für gute Literatur, wie dieses Beispiel wieder einmal zeigt.

Klappentext: «Elizabeth Zott ist eine Frau mit dem unverkennbaren Auftreten eines Menschen, der nicht durchschnittlich ist und es nie sein wird. Doch es ist 1961, und die Frauen tragen Hemdblusenkleider und treten Gartenvereinen bei. Niemand traut ihnen zu, Chemikerin zu werden. Ausser Calvin Evans, dem einsamen, brillanten Nobelpreiskandidaten, der sich ausgerechnet in Elizabeths Verstand verliebt. Aber auch 1961 geht das Leben eigene Wege. Und so findet sich eine alleinerziehende Elizabeth Zott bald in der TV-Show Essen um sechs wieder. Doch für sie ist Kochen Chemie. Und Chemie bedeutet Veränderung der Zustände …»

Tja, was soll ich sagen? Die anfängliche Sympathie für die Protagonistin ist mit jedem Kapitel geschrumpft, was daran lag, wie die Autorin diese Figur gestaltet hat. Mit einem Wort: Sie – und auch die anderen Figuren – sind durch und durch unglaubwürdig, da viel zu eindeutig, stets hundertprozentig konsequent. So hat zum Beispiel die erlebte Vergewaltigung kaum eine Nachwirkung auf sie, als ob das einfach ein etwas unangenehmes Erlebnis gewesen wäre. Der Vorfall wird unglaublich banal dargestellt, hat weder strafrechtliche Konsequenzen noch wird er aufgearbeitet. Selbst als sich Elizabeth auf ihren künftigen Ehemann einlässt, ist die Vergewaltigung kein Thema, alles paletti.

Klischee jagt Klischee
In diesem Buch jagt ein Klischee das andere, die Handlung ist konstruiert und teilweise sehr abwegig – wenn zum Beispiel ein Hund über 900 Worte verstehen soll und die vierjährige Tochter wie eine Erwachsene argumentiert und handelt. Die Figuren sind entweder gut oder böse, wobei die Guten intelligent, attraktiv, voller Energie und sportlich sind und alles richtig machen, die Bösen sind dumm und hässlich. Die männlichen Vorgesetzten sind alle nicht die hellsten und potentielle oder tatsächliche Vergewaltiger. Auch das Sprachliche lässt zu wünschen übrig, die Dialoge sind flach und altbacken. Ein Beispiel: Ihre Vergangenheit erzählen sich die beiden in ein paar Sätzen, nach einem Liebesakt, als sie «nebeneinander lagen wie gefällte Baumstämme»!

Dieses Buch beschäftigt sich mit heftigen Thematiken, aber die Autorin scheint sich damit übernommen zu haben. Die Themen werden zwar angerissen, aber ziemlich banal und zu wenig ambivalent dargestellt. Und nachdem Elizabeth Zott Vergewaltigung, Mobbing, sexuelle Diskriminierung, soziale Ausgrenzung, den Diebstahl ihres geistigen Eigentums und den Verlust ihrer grossen Liebe erleiden musste, tritt plötzlich eine unbekannte Frau in ihr Leben und verhilft ihr zur wohlverdienten Rache. Das ist Seifenoper pur und transportiert gleichzeitig die These, dass der Ausweg aus einer solchen Situation nur durch ein Wunder möglich ist. Diese Geschichte ist unrealistisch und nervig und ist leider nicht mehr geworden als ein unglaublich platter Roman, um den man am besten einen grossen Bogen macht.

Die Revolution des Mondes von Andrea Camilleri (285 Seiten)
übersetzt von Karin Krieger

Nach den beiden Flops hat mich Die Revolution des Mondes wieder etwas mit dem Literaturbetrieb versöhnt. Nicht selten werden bedeutende Frauen in der Geschichtsschreibung unterschlagen. Andrea Camilleri, der vor allem Krimis schreibt, befreit mit diesem Roman eine dieser Frauen aus der Vergessenheit; die umwerfend schöne Gattin des sizilianischen Vizekönigs, Elenora di Mora, die durch das Testament ihres verstorbenen Gatten an seiner Statt den Thron bestieg. Sizilien gehörte 1677 noch zu Spanien und hatte im Auftrag des spanischen Königs einen Vizekönig. Oder in diesem Fall eben eine Vizekönigin. Dieses fast vergessenen Kapitels der Geschichte Siziliens nimmt sich der sizilianische Bestsellerautor nun an.

Während einer Sitzung des Heiligen Königlichen Rates im Jahr 1677 verstirbt der an einer mysteriösen Krankheit leidende Vizekönig Don Angel auf seinem Thron. Aufgrund seiner Krankheit hat er zu allen Beschlüssen der sechs Ratsherren aus dem Heiligen Königlichen Rat Ja und Amen gesagt, was diese schamlos ausgenützt und betrügerische und eigennützige Gesetze durchgesetzt haben. Auch nach seinem Tod wollen sie sich weiter an allerhand bereichern und sich bevorteilen. Doch das Testament des Verstorbenen macht ihnen einen gehörigen Strich durch die Rechnung: Die unfassbar schöne Eleonora di Mora, Königsgattin, besteigt den Thron und schreitet sogleich zur Tat. Durch ihren Scharfsinn durchschaut sie jeden Schachzug der korrupten Gegenspieler, bevor dieser getan werden kann und vereitelt so deren kriminelle Machenschaften. Schnell beschliessen die Ratsherren, Eleonora das Handwerk zu legen, doch jede ihrer Strategien wird durch die Voraussicht und Schlauheit der Königin vereitelt.

Aus Schelmenroman wird bitterer Ernst
Dieser Teil der Geschichte liest sich locker und erinnert etwas an einen Schelmenroman nach Münchhaus’scher Manier. Doch zunehmend wird es düsterer und bedrückender, wenn es um die Prostitution «gefallener» Mädchen unter dem Deckmäntelchen eines christlichen Heims oder um den Missbrauch von Chorknaben geht, in die auch die höchsten kirchlichen Amtsvertreter involviert sind. Mit eiserner Entschlossenheit geht Eleonora gegen die Korruption und die Schandtaten vor, senkt die Getreidepreise und entlastet kinderreiche Familien und gewinnt damit die Herzen des Volkes. Und so macht sie sich in ihrer kurzen Amtszeit viele Feinde, aber auch viele Verbündete. Nach nur 27 Tagen gelingt es ihren männlichen Widersachern aber doch, ihre Amtszeit zu beenden, erstaunlicherweise auf eine ganz legale Art.

In diesem historischen Roman blitzt kurz die Möglichkeit einer besseren Welt auf, dank einer mutigen Revolutionärin, die es tatsächlich gegeben hat. Dazu liefert der Autor auch die historischen Fakten, die er nur in Nebensächlichem verändert und ausgeschmückt hat. Er erzählt schlicht, geradlinig, voller Spannung und groteskem Witz. Allerdings sind die Charaktere etwas einseitig gezeichnet mit der überirdisch schönen und hochintelligenten Donna Eleonora auf der einen, den gaunerhaften, intriganten und eher dümmlichen Männern auf der anderen Seite. Nichtsdestotrotz ist Die Revolution des Mondes ein lesenswerter, unterhaltsamer Roman über eine beeindruckende Frau, die sich mit viel Verve und Klugheit der Hinterlist und Heimtücke einer Bande korrupter Politiker in den Weg stellt und sich nicht für eigene Zwecke, sondern für das Volk eingesetzt hat.

Alias Grace von Margaret Atwood (664 Seiten)
übersetzt von Brigitte Walitzek

Von Margaret Atwood habe ich bisher nur Der blinde Mörder gelesen – auch so ein dicker Schmöcker, der mir sehr gut gefallen hat – und es mit Oryx und Crake versucht – das habe ich bald abgebrochen, weil es mir zu grauslig war. Den Report der Magd lasse ich aus diesem Grund auch links liegen. Atwoods Schreibstil mag ich aber sehr, genauso wie langsam erzählte, dramaturgisch geschickt aufgebaute Geschichten. Das bekam ich sowohl beim blinden Mörder als auch bei Alias Grace.

Die Geschichte von Grace Marks spielt in Toronto Mitte des 19. Jahrhunderts und beruht auf einer wahren Begebenheit: 1843 werden Thomas Kinnear und seine Haushälterin Nancy Montgomery ermordet aufgefunden. Ihre beiden Angestellten, James McDermitt und das sechzehnjährige Dienstmädchen Grace Marks werden auf der Flucht gefasst und schuldig gesprochen. McDermitt wird hingerichtet, Graces Todesurteil wird in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Nach einigen Jahren im Gefängnis und zeitweise in der Irrenanstalt darf Grace im Haushalt des Anstaltsdirektors tagsüber arbeiten und Näharbeiten erledigen.

1859 wird der junge Arzt Simon Jordan von einem christlichen Komitee, das sich um Graces Haftentlassung bemüht, beauftragt, Grace zu untersuchen. Er interessiert sich sehr für psychische Krankheiten und möchte eine moderne Nervenheilanstalt einrichten. Zunächst verspricht er sich von der Beschäftigung mit dem prominenten Fall Marks die notwendige Popularität, andrerseits wendet er für die damalige Zeit moderne und noch nicht etablierte Methoden an, indem er sich auf Graces Unterbewusstsein konzentriert und hofft, so ihre Erinnerungen wach zu rufen und dadurch womöglich ihre Unschuld zu beweisen. Grace ist sehr zurückhaltend und skeptisch, ihre Gedanken zeigen aber, dass sie durchaus weiss, was sie tut. Mit der Zeit entsteht eine gewisse Sympathie zwischen den beiden, und um «den Doktor» nicht zu enttäuschen, beginnt Grace, ihm ihr Leben zu erzählen – von der schrecklichen Armut in Irland, der Auswanderung nach Kanada und ihren Anfängen als Dienstmädchen. In klaren und facettenreichen Bildern beschreibt Atwood den Alltag dieser Gesellschaftsschicht im 19. Jahrhundert, der von harter Arbeit und Willkür der Herrschaften beherrscht wurde, aber auch von grossen Träumen und kleinen Freuden und im besten Fall von Freundschaften. Doch auch der eher privilegierte Simon Jordan hat mit gesellschaftlichen Strukturen zu kämpfen und schlittert seinerseits in eine prekäre Situation, die ihm gegen den Willen geht, der er sich aber dennoch nicht entziehen kann.

Perspektivenwechsel und Fakten
Auch in diesem Roman erzählt Atwood aus verschiedenen Perspektiven und ergänzt die Erzählelemente durch Gerichtsakten, Zeitungsartikel, Bücher, Briefe etc., die die Authentizität der Geschichte unterstreichen und einen fesselnden Einblick in den herrschenden Zeitgeist und den Stand der psychologischen Forschung der damaligen Zeit vermitteln. Obwohl die Geschichte ruhig, atmosphärisch und in einer unaufdringlichen Tiefe erzählt ist, schafft es die Autorin, den Leser über die vielen Seiten bei der Stange zu halten. Da ist zunächst ihre präzise, aber dennoch unaufgeregte Sprache, die etwas sehr Anziehendes hat. Dann fasziniert Graces Charakter durch seine Undurchschaubarkeit, die es einem unmöglich macht, sie einzuschätzen – man schwankt zwischen Mitgefühl und Verunsicherung. Und schliesslich beherrscht die Lektüre natürlich die eine grosse Frage: Ist Grace schuldig oder nicht?

Der Fall der Grace Marks hat im 19. Jahrhundert die Presse in Kanada, den USA und Grossbritannien sehr beschäftigt. Die Frage, ob Grace mitschuldig am Tod ihres Arbeitgebers und dessen Lebensgefährtin gewesen ist, hat die Menschen lange bewegt. Diesem Fall hat sich die auch politisch aktive Autorin, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2017, mit diesem Buch angenommen. Vordergründig spielt sich die Geschichte an der Frage der Schuld Grace Marks ab, doch Atwood geht es auch um die Schuldfähigkeit junger Frauen, an denen die Gesellschaft selbst sich schuldig gemacht hat. Wer sich gerne auch auf etwas längere Geschichten einlässt, wer gekonnte Sprache und ambivalente, interessante Figuren mag und wer gerne auch die Grauzonen des menschlichen Charakters erforscht, der ist mit diesem Buch auf alle Fälle gut bedient.

Was uns stark macht von Annick Cojean (298 Seiten)
übersetzt von Kirsten Gleinig

Annick Cojean ist internationale Korrespondentin für die französische Tageszeitung Le Monde und eine der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs. Sie hat mehrere preisgekrönte Bücher veröffentlicht, darunter den Porträtband Was uns stark macht.

In diesem Buch eröffnet sie die Interviews mit 21 inspirierenden Frauen mit dem Satz: «Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn …» Sie möchte damit der Frage auf den Grund gehen, was uns geprägt hat, was und antreibt und was uns letztendlich die Kraft oder eben die Stärke verleiht, Aussergewöhnliches zu leisten. Die Frauen, die ihr Auskunft gaben, stammen aus unterschiedlichen Generationen und Bereichen unserer Gesellschaft. Patti Smith etwa spricht über die unerschütterliche Liebe zu ihrer Mutter und zur Musik als Lebensmotor. Bestsellerautorin Virginie Despentes berichtet von ihrer Alkoholsucht als junge Frau und wie sie sich davon befreit hat. Joan Baez erachtet es als grosses Glück, ihre Stimme für politische Zwecke einsetzen zu können. Die Porträts geben uns Einblicke in die Leben von Juliette Gréco, Claudia Cardinale, Asli Erdogan, Hélène Grimaud, Brigitte Bardot, Vanessa Redgrave, Marianne Faithfull und vielen mehr. Ihre Antworten auf die Eingangsfrage haben oft etwas mit Liebe, Dankbarkeit, besonderen Umständen in der Kindheit oder auch einfach mit dem Zufall zu tun. Bei den nachfolgenden Fragen folgt Annick Cojean keinem Muster, vielmehr lässt sie sich vom Gefühl leiten. Immer landen wir dabei bei der Quelle der Stärke dieser Frauen, die oft Bewundernswertes geleistet haben.

Sicherlich berühren oder interessieren die einen Interviews mehr als andere. Einige sind selbstironisch, andere einfach nur tragisch, doch alle sind sie lebensklug und höchst inspirierend. Was uns stark macht ist ein Gesprächsbuch, das man am besten in kleinen Dosen geniesst und diese sich setzen lässt, bevor man sich das nächste Kapitel vornimmt. Ebenfalls zu empfehlen, sollte man mal wieder einen kräftigen Schub Inspiration und Motivation benötigen.

Doppel-Lesemonat April/Mai 2023 als PDF.

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