Was habe ich viel gearbeitet im August! Dennoch reichte es für vier Bücher, wovon ich eins abgebrochen habe. Insgesamt kam ich auf 998 Seiten. Die Themen bewegten sich von künstlicher Intelligenz über einen Passfälscher im Berlin der Nazizeit bis zu den Facetten und den Schattenseiten der Liebe – eine bunte, unterhaltsame und lehrreiche Mischung.

Maschinen wie ich von Ian McEwan (416 Seiten)
übersetzt von Bernhard Robben

Themen wie diese – KI, Androiden und was es heissen könnte, mit ihnen zusammen zu leben – können, literarisch oder filmisch aufgearbeitet, ziemlich schief gehen. Aber nicht, wenn sich einer wie Ian McEwan dem Thema annimmt.

Dieser Roman spielt in einer Zukunft, die aber in der Vergangenheit angesiedelt ist, genauer gesagt in der Zeit des Falklandkrieges 1982. Margaret Thatcher wird den Krieg verlieren, die Beatles sind noch zusammen, es gibt selbstfahrende Autos, sprechende Kühlschränke und das Internet. Vor allem aber lebt Alan Turing noch. Er hat mittlerweile die Computerwissenschaft revolutioniert und die Entwicklung künstlicher Intelligenz so weit vorangetrieben, dass kurz vor Beginn der Handlung fünfundzwanzig Adams und Eves, menschenähnliche, selbstlernende und verblüffend intelligente Androiden, auf den Markt geworfen werden. Einen dieser Androiden ersteht der 32-jährige Ich-Erzähler Charlie. Er verdient sein bescheidenes Einkommen als Daytrader und konnte sich Adam nur mithilfe einer unerwarteten Erbschaft leisten. Eigentlich hätte er lieber eine Eve gehabt, aber die waren alle schon weg. Fast gleichzeitig mit dem Erwerb von Adam verliebt sich Charlie in seine Nachbarin Miranda. Diese ist jedoch ziemlich unnahbar, und so beschliesst Charlie, sie am «Programmieren» von Adam teilhaben zu lassen. Er muss nämlich zu Beginn von Adams Leben dessen Charaktermerkmale definieren.

Eine Art Menschwerdung
Die Liebesbeziehung kommt zustande, Miranda und Charlie wohnen gemeinsam einer Art Menschwerdung bei, wobei sich Charlie als scharfer Beobachter erweist. Er erfasst, welche Schwierigkeiten Adam anfangs begegnen und wie er immer mehr Eigenleben entwickelt und lernt. Was zuerst reine Neugier und Freude am Objekt ist, erhält im Lauf der Handlung einen Anstrich von Freundschaft oder Loyalität. So erkennt er zum Beispiel auch, dass Adam bedauert, nur durch seine Streifzüge durchs Internet und nicht spielerisch wie ein Kind lernen zu können. Als Adam an Charlies Stelle beginnt, die Wertpapiere zu kaufen und zu verkaufen, erweist er sich als Goldgrube. Allerdings hat er es mittlerweile auch geschafft, seinen Ausschaltknopf zu deaktivieren, und spätestens, als er Charlie demonstriert, dass er ihm körperlich mehrfach überlegen ist, schleicht sich ein seltsames Gefühl ein.

Charlie allerdings macht etwas anderes Sorgen: Miranda geniesst zwar die Beziehung mit ihm, aber sie lässt ihn nie wirklich an sich heran. Und natürlich baut auch sie eine Beziehung zu Adam auf, da die drei quasi eine menage à trois bilden. Schliesslich rückt sie mit der Wahrheit heraus; es geht um eine Straftat, die sie mit einer «guten» Intention begangen hat. Adam, der selber Gefühle zeigt für Miranda (!), erweist sich als ein Juwel in Bezug auf die Ergründung der Rechtslage. Doch ist er fähig nachzuvollziehen, dass seine Menschen das juristische Fehlurteil als gerechte Strafe empfinden?

Souverän erzählt
McEwan ist dem Thema in jeder Beziehung gewachsen und reisst es nicht nur in mitunter witzigen Diskussionen an, sondern spielt es durchgängig auf der Handlungsebene durch. Die philosophischen Gedankengänge des Protagonisten und die banalen Ereignisse des Alltags und der Liebesbeziehung bilden ein angenehmes Gleichgewicht, auch wenn sich die Handlung zu einem grossen Teil in Charlies Wohnung abspielt und daher etwas Kammerspielartiges hat. Geschickt und fesselnd baut der Autor die Fragen von Ethik und Moral, von Gerechtigkeit, Vergebung und Vergeltung in die Dreierbeziehung ein, während die Autonomie des Androiden bis zu einem Ausmass wächst, dass es einem beim Lesen ein wenig mulmig wird. Handwerklich souverän erzählt, mit zwei, drei essayistischen Umwegen, unterhaltsam, gut recherchiert, tiefgründig und gescheit – ein feines Buch, das den Leser nicht nur gut unterhält, sondern ihm viel Futter zum Nachdenken liefert.

Kolonien der Liebe von Elke Heidenreich (175 Seiten)

Dieses schon ältere Werk (1992) von Elke Heidenreich umfasst neun Erzählungen, die ich nicht am Stück, sondern zwischen den Romanen gelesen habe. Alle Geschichten kreisen in mehr oder weniger grossem Abstand um die Liebe und darum, was sie anrichten kann. Man trifft, wie es im Klappentext heisst, auf «zufällige Orte …, die, vorübergehend, ein wenig Wärme ausstrahlen, aber es sind auch die Orte, an denen Leid, Hass und Kälte die Liebe totschlagen». Also definitiv keine Hollywood-Liebesgeschichten, aber auch nicht so depressiv, wie man jetzt vermuten könnte. Denn was diese Geschichten so besonders macht, ist die Art, wie sie erzählt sind.

In den alltäglichen, teils beinahe banalen Geschichten fängt Elke Heidenreich Momente mit grosser Aussagekraft ein, die lange im Gedächtnis bleiben. Da ist das Mädchen, das nicht damit klarkommt, dass sein Idol James Dean tödlich verunglückt ist. Grossartig skurril und doch so lebensecht ist die Geschichte von der Filmcrew, die eine sonnige Szene drehen sollte, aber im Regen versinkt und dabei Zeuge eines einmaligen, nicht wiederholbaren Moments in der Ewigkeit wird. Da ist die Winterreise nach Wien, um dem viel jüngeren Beinahe-Liebhaber zu entkommen. S. 150: «Ja, Schönheit macht mich lebenskrank, sehnsuchtskrank. Für Schönheit opfere ich Erfahrung und Verstand.» Da ist der Abschied von Max, der eine überraschende Wendung nimmt. Meine Lieblingsgeschichte ist aber die mit Erika, dem Plüschschwein – die beste Weihnachtsgeschichte, die ich je gelesen habe.

Die Liebe im Laufe der Zeit
Heidenreich erzählt lapidar, unaufgeregt und ungekünstelt und trifft damit genau ins Schwarze, denn das Leben läuft nun mal selten so, wie wir uns das wünschen. S. 44:  «[…] und denken daran, wie es sein wird, wenn wir alt sind – die Liebesgeschichten werden vorbei sein, und wir werden jedes mögliche Ende kennen. Uns wird nichts mehr erschrecken, denn wir haben jeden Schmerz schon gespürt, jeden schon zugefügt.» Die Autorin kann messerscharf beobachten und begibt sich dabei von der Oberfläche des Alltags in die Tiefen des menschlichen Herzens; zu den Hoffnungen, die versteckt vor sich hinleben, Seite an Seite mit Verletzungen, Ängsten und Träumen. Dorthin folgen wir ihr fast schwebend, alles kommt einem irgendwie bekannt vor. Die Geschichten sind traurig, tiefgründig-verschlungen-schön, bitter und ironisch, sie sind grossartig, aber vor allem sind sie wunderbar erzählt, so dass sie einem trotz allem ein wenig versöhnlich erscheinen. «Kolonien der Liebe» ist ein Buch für Leser, die die feinen Töne intellektueller Schwurblerei vorziehen und die auch melancholische, zuweilen traurige Begebenheiten in kleine Weisheiten umzuwandeln vermögen. Und das häppchenweise, wie man Pralinen oder edles Gebäck geniesst.

Der Passfälscher von Cioma Schönhaus (235 Seiten)

Auf dieses Buch stiess ich durch eine Bekannte, die den Autor resp. dessen Sohn persönlich kennt und mir ein signiertes Exemplar besorgte. Es ist die wahre Geschichte des Autors, eines russischen Juden, der in Berlin Ausweise fälschte, dann untertauchen und schliesslich flüchten musste.

Samson (Cioma) Schönhaus wurde 1922 in Berlin als Sohn russischer, jüdischer Emigranten geboren. Als junger Mann erlebte er, wie sich das Netz der Nazis immer enger um die Juden in Deutschland zusammenzog, wie ihnen Stück für Stück ihre Rechte, ihre Kultur, ihre Ausbildungsstätten etc. abgesprochen wurden. Er erlebte die Deportationen, Fliegerangriffe auf Berlin, dabei war er einfach ein unbeschwerter junger Mann mit grossen Plänen. Seine Grafikertätigkeit musste er aufgeben, er wurde umgeschult und musste in Nazibetrieben arbeiten, die Kriegsprodukte herstellten, unter anderem als Schneider, Nähmaschinenmechaniker, Erdarbeiter und Metalldreher. Sein arisches Aussehen verriet ihn nicht auf Anhieb, aber auch um ihn zog sich das Netz immer mehr zusammen. Irgendwann wurde er angesprochen und gelangte in eine geheime Organisation, die Juden falsche Papiere besorgte. In den nächsten Monaten entwickelte er eine beeindruckende Fähigkeit im Fälschen von Ausweisen und half so mit, Hunderten von Todgeweihten die Flucht zu ermöglichen. 1942 musste er in den Untergrund abtauchen, da er steckbrieflich gesucht wurde, und am 3. Oktober 1943 gelang ihm die Flucht in die Schweiz – per Fahrrad und natürlich mit eigens gefälschtem Ausweis.

Mehr Bericht als Geschichte
Dies ist eine sehr eindrückliche Geschichte, denn der Leser erlebt mit, wie der Alltag der Juden immer mehr beschnitten wurde – zum Beispiel durften sie irgendwann nicht mehr Fahrrad fahren oder die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen – und wie das Schreckgespenst der Deportationen sie alle begleitete, obwohl sie lange dachten, dass es so schlimm ja nicht sein könne. Man begleitet Cioma auf seinen täglichen Gängen und erlebt mit, wie sich die Helfer organisierten, welche Menschen er kennenlernte und wie er immer wieder in brenzlige Situationen geriet, die er manchmal auch selbst verschuldete. All das ist sehr eindrücklich, und es ist gut, dass man beim Lesen weiss, dass die Geschichte für ihn gut ausgeht. Es ist eine wahre Geschichte, und da mir der Autor durch die Bekannten meiner Bekannten etwas näher ist, als wenn es irgendein Autor wäre, habe ich das Buch fertiggelesen. Denn leider ist es sehr unbeholfen geschrieben, liest sich eher wie ein Bericht, ein Rapport, bei dem sich eine Anekdote an die andere reiht. Es tauchen unglaublich viele Namen auf, die mich mit der Zeit verwirrt haben, weil viele davon mit der Geschichte nur am Rande zu tun hatten. Die Dialoge sind hölzern und völlig unrealistisch, Zeilenschaltungen, wenn die Sprecher wechseln, fehlen gänzlich, was das Lesen sehr mühsam macht. Vielleicht wird deshalb vor jedem Satz der Name des Angesprochenen geschrieben, damit man weiss, wer gerade redet, was dem Ganzen eine gewisse Absurdität verleiht. So spricht einfach niemand.

Was mir aber am meisten gefehlt hat, sind die Empfindungen der Betroffenen. Selten einmal heisst es, dass die Mutter Angst hatte oder ähnliches. Die Familie verliert ihre Wohnung, immer mehr Bekannte werden deportiert und bei all dem geht der junge Cioma fast ein wenig unbekümmert und gut gelaunt durch die Tage, tut, was er tun muss, hat ab und zu Herzklopfen, mehr aber nicht. Nur ganz selten kommen richtige Angst oder gar Verzweiflung zum Ausdruck. Und als seine Eltern deportiert werden, pfeift er ein paar Tage später schon wieder fröhlich bei der Arbeit vor sich hin. Der Erzählton hat das ganze Elend wohl unfreiwillig verharmlost, und das hat mich leider sehr gestört. Dennoch ein lesenswerter Bericht von einem, der nicht nur dabei gewesen ist, sondern für viele Menschen eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Der Papierpalast von Miranda Cowley Heller (448 Seiten)
übersetzt von Susanne Höbel

Mit diesem Buch habe ich eine seltsame Erfahrung gemacht: Ich habe es abgebrochen, obwohl mir der Schreibstil und die Figuren sehr gut gefallen haben. Ich las bis Seite 172 (in der englischen Ausgabe), also bis fast zur Hälfte. Abgebrochen habe ich, weil die Handlung auf etwas zusteuerte, mit dem ich mich einfach nicht beschäftigen wollte.

Die Handlung dieses Romans spielt an einem einzigen Tag, gespickt mit vielen Rückblenden auf unterschiedlichen Zeitebenen. Elle Bishop ist fünfzig und glücklich verheiratet, und trotzdem hat sie in der Nacht vor diesem Tag zum ersten Mal Sex mit ihrer Jugendliebe Jonas. Dies geschieht im Sommerhaus, in der die Familie seit Urzeiten den Sommer verbringt, und es bringt Elles geregeltes Leben gehörig ins Wanken. In Rückblenden erfahren wir nun viel über Elles Kindheit, ihre Eltern – vor allem die Mutter, die sehr gut gezeichnet ist – ihre Grosseltern (viele, viele Namen …) und können so nachvollziehen, wie die dysfunktionalen Beziehungen ihres Elternhauses Elle geprägt haben. Wir erfahren auch, wie Elle den etwas jüngeren Jonas als Mädchen kennengelernt hat und wie die Umwelt auf ihre Freundschaft reagiert hat. Vor allem der Stiefbruder Conrad kommt damit nicht klar. Dies alles ist wunderbar beschrieben und dargestellt.

Gegen Mitte des Buches werden die Rückblenden immer länger, über viele Kapitel bleibt man der Gegenwart fern, und die Rückblenden steuern dann auf eben dieses Ereignis zu, das mich zum Abbrechen bewegt hat. Das ist schade, denn das Buch hat eine einnehmende Sprache. Die Atmosphäre in diesem Sommerdorf, die einzelnen Figuren, der ganz normale Wahnsinn des Alltags einer Familie mit Teenagerkindern und die Interaktionen der Erwachsenen sind wirklich gelungen. Insbesondere Elles Mutter ist eine toll gezeichnete Figur. Allerdings scheint mir Elle ihr gegenüber immer noch nicht wirklich erwachsen geworden zu sein, obwohl sie schon fünfzig Jahre alt ist.

Wie die Geschichte ausgeht, weiss ich natürlich nicht, aber vielleicht hat jemand von euch das Buch gelesen? Dann schreibt es mir doch bitte in die Kommentare! Was das Literarische angeht, kann ich es trotzdem empfehlen. Die Gründe, warum man ein Buch abbricht, sind ja sehr individuell.

Lesemonat August 2022 als PDF.

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Comments

Lesemonat August 2022 — 2 Comments

  1. Maschinen wie ich reizt mich zum Lesen. Schön, dass du erwähnt hast, dass Alan Turing noch lebte bevor er dann Selbstmord gemacht hat. Es gibt eine Erzählung von Rolf Hochhuth über ihn.

    • Liebe Antje
      Ich habe mal einen tollen Film über Alan Turing gesehen, als er im Zweiten Weltkrieg die Geheimsprache Enigma entschlüsselte. Und dann ein trauriges Ende fand. Lass mich doch gerne wissen, ob dir “Maschinen wie ich” gefallen hat.
      Lieber Gruss, Sabina

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