Der Lesemonat Februar startete mit zwei Flops, hat sich dann in der Qualität aber rasant gesteigert. Vier Bücher habe ich angefangen, drei davon beendet, insgesamt kam ich auf 1289 Seiten. Ein Buch schaffte es in die Lese-Empfehlungen.

Time Bender von Tijin Touber (272 Seiten)
übersetzt von Ronald Zürrer

Warum nur hat sich dieser Autor entschieden, einen Roman zu schreiben, statt wie bisher bei den  Sachbüchern zu bleiben? Ich kenne seine bisherigen Bücher nicht, aber Romane schreiben kann er leider nicht. Er hat sicherlich einiges zu sagen, aber für einen guten Roman braucht es eben mehr als eine zusammengebastelte Handlung und ein paar am Reissbrett entworfene Figuren, durch die der Autor seine Meinung kundtut. So aber kommt eine oberflächlich und plump erzählte Geschichte mit seitenlangem Infodump, furchtbar hölzernen Dialogen und unglaubwürdiger Handlung heraus. Ein Beispiel: Der Protagonist lernt eine “schöne, junge Frau” kennen, sie kann nur wenig Englisch, er kaum Spanisch, aber zwei Seiten weiter unterhalten sie sich, als hätten beide die gleiche Muttersprache. Dass die beiden eine Liebesbeziehung eingehen, wird in ein paar lapidaren Sätzen abgehandelt, ebenso dessen Ende. Schade, dass dieser interessante Stoff in der dilettantisch erzählten, komplett “plotdriven” Story untergeht. Hätte der Autor ein Sachbuch geschrieben – ich hätte es gelesen. Den Roman ertrug ich nach 50 Seiten nicht mehr.

Miracle Creek von Angie Kim (509 Seiten)
übersetzt von Marieke Heimburger

Dieses Buch wird auf Amazon bejubelt, und auch auf booktube wird es über den Klee gelobt. Ich mag Gerichtsverhandlungen und freute mich deshalb sehr auf diese Geschichte.
In der Kleinstadt Miracle Creek in Virginia geht während einer Sauerstoffbehandlung ein Tank in Flammen auf, zwei Menschen kommen ums Leben; Kitt, die eine Familie mit fünf Kindern zurücklässt, und Henry, ein achtjähriger Junge. Ein Jahr später beginnt der Prozess wegen Brandstiftung und Mord gegen Henrys Mutter Elizabeth. Sie soll den Tank in die Luft gejagt haben, weil sie die aufwändige Betreuung ihres autistischen Sohnes nicht mehr ertrug.

Die Szenen im Gerichtssaal sind ganz ordentlich gemacht, obwohl mir schon da viel zu viel spöttisch oder triumphierend gelächelt wird. Zwischen diesen Szenen wird die Geschichte in Rückblenden erzählt aus der wechselnden Perspektive der Beteiligten, wodurch die unterschiedlichen Handlungs- und Motivationsstränge aufgedeckt und beleuchtet werden. Von der Dramaturgie her eine geschickte Ausgangslage, die viel Spannung und überraschende Wendepunkte verspricht. Leider funktioniert es in diesem Buch nicht. Zum einen ist die Geschichte sehr ausschweifend erzählt, die Rückblenden sind fast ausschliesslich szenisch und kleinteilig und ziehen sich unnötig in die Länge. Es gibt immer wieder seitenlange Abhandlungen darüber, was es bedeutet, ein behindertes Kind zu haben (nicht, dass ich das kleinreden will, aber die Autorin hätte es mir zeigen sollen, nicht mehrmals erklären). Ein Mann verliert bei dem Unfall zwei Finger, was ihm – verständlicherweise – sehr zu schaffen macht. Ein anderer wird gelähmt und landet im Rollstuhl. Was das mit ihm macht und wie er damit umgeht? Kein Wort darüber. Er “rollt” jetzt einfach, statt dass er geht, und seine Frau hilft ihm ins Auto und versorgt den Rollstuhl im Kofferraum. That’s it.
Zum anderen fand ich es doch etwas seltsam, dass ausnahmslos alle Beteiligten entweder wichtige Informationen verschwiegen oder frisch drauflos logen in der Gerichtsverhandlung, also einen Meineid leisteten, und das aus teilweise fragwürdigen Gründen (um z.B. dies oder jenes vor der Ehefrau zu verbergen), dabei ging es um eine Mordanklage, die mit der Todesstrafe enden würde! Leider schaffte es die Autorin auch nicht, mir die Figuren nahe zu bringen, sie blieben mir trotz ihren Schicksalsschlägen fremd.

Grosses Manko: Sprache
Am schlimmsten war aber die Sprache. Um Gefühle zu zeigen, hat die Autorin an körperlichen Reaktionen und Symptomen alles angeführt, was die Sprache so hergibt, und meistens gleich mehrere davon. Da werden Augen verengt oder weit aufgerissen, Lippen beben, werden zusammengepresst, es wird darauf herumgebissen, Herzen rasen und hämmern, das Blut sprudelt durch die Adern und Gift spritzt aus allen Poren, Haarwurzeln “bitzelten” (S. 412), Augenbrauen werden gerunzelt (!), Augenwinkel hängen herunter usw. usw. Ein paar Kostproben: S. 422: “Elizabeth schnürte sich die Kehle zu, der Kragen ihrer Bluse legte sich ihr eng um den Hals, würgte sie.” S. 427: “Matt … zwang seine Äderchen, sich zusammenzuziehen und kein weiteres Blut in die oberen Hautschichten zu transportieren.” S. 460: “Pak wurde mulmig im Bauch, es ziepte und nagte.” Und das noch und nöcher. Auch die Metaphern und Vergleiche sind oft so misslungen, dass sie schon wieder amüsant sind, wenn sich zum Beispiel Weidenäste im Winde wiegen wie die Baströckchen von Hula-Tänzerinnen.
Ich habe das Buch nur fertig gelesen, weil ich auf weitere Gerichtsszenen wartete und weil ich gerade mit einer Grippe im Bett lag. Das Buch wird aber definitiv wieder bei mir ausziehen.

Affären von Alison Lurie (443 Seiten)
übersetzt von Otto Bayer

Nach den beiden Flops tat ich mit dem nächsten Buch einen Glücksgriff. Es stand schon lange in meinem Regal, ich hatte es mir besorgt, als ich einmal über eine Liste aller Pulitzer-Preisträger gestolpert bin, in die sich Alison Lurie 1985 mit diesem Roman einreihte. Der Untertitel lautet «Eine transatlantische Liebesgeschichte», und der Klappentext beginnt so: «Menschen, die allein ins Ausland reisen, sind empfänglich für ungewöhnliche Liebschaften – für Affären. Fern unserer vertrauten Umgebung … fallen wir oft Leuten in die Arme, denen wir zuhause nie begegnen, und wenn doch, sie dann wahrscheinlich nicht mögen würden. Aber dabei erfahren wir oft viel über uns selbst.»

Die 54-jährige Professorin an der Ivy-League-Universität in New York, Virginia (Vinnie) Minner, hält sich selber für «alt, klein, unattraktiv und nicht verheiratet – ein Mensch, den alle übersehen». Ein Forschungsstipendium ermöglicht ihr einen sechsmonatigen Aufenthalt in London. In dieser Stadt hat sie sich schon immer geborgen gefühlt, sie trifft sich mit alten Freunden und widmet sich ihrem Projekt, dem Zusammentragen und Analysieren von Kinderreimen. Ebenfalls in London landet ihr junger, attraktiver Kollege Fred Turner, der pleite ist, sich gerade von seiner Frau getrennt hat und sich im kalten und nassen London seiner Misere hingibt. Zumindest am Anfang. Keiner der beiden ist auf eine Affäre aus, doch Fred verliebt sich unsterblich in eine schöne und unbeständige Schauspielerin – und damit auch in England – während Vinnie ausgerechnet von einem ungehobelten Cowboy aus Oklahoma umworben wird, der im Flugzeug neben ihr sass und dem sie, um ihn zum Schweigen zu bringen, ihr Buch «Der kleine Lord» ausgeliehen hat. Ohne zu ahnen, dass dies eine stille Verbindung zwischen ihnen schafft.

Liebevolle Komödie mit Tiefgang
Diesen beiden Figuren folgen wir im Roman durch die nächsten paar Monate, witzig und geistreich, aber auch tiefsinnig und intelligent von Alison Lurie gezeichnet. Vinnie macht es einem anfangs nicht leicht, sie zu mögen, doch mit der Zeit entwickelt sich diese schlecht gelaunte, unscheinbare Wissenschaftlerin voller Selbstmitleid zu einer ungewöhnlichen und überraschenden Figur, die erkennen muss, dass sie dem Leben doch nicht so abgeklärt gegenübersteht, wie sie das gerne möchte. Auch das Bild, das sie und ihr vom Leben verwöhnter Kollege Fred Turner sich anhand der englischen Literatur von England zurechtgezimmert haben, bekommt Risse. Mit einer großartigen Mischung aus Sarkasmus und liebevoller Sympathie für ihre Figuren lässt die Autorin die 70er Jahre im Künstler- und Intellektuellenmilieu auferstehen und führt die Leser durch ein Gewusel von Schrullen, Vorurteilen, Eitelkeiten, Lebenslügen und echten Gefühlen. Die scharfe Beobachtungsgabe, der kritisch-argwöhnische Blick und der liebevolle, manchmal englisch-trockene Humor machen diese literarische Komödie mit Tiefgang zu einem Lesevergnügen. Ein wenig mutet Alison Lurie wie eine moderne Jane Austen an, denn am Schluss erwischt die Liebe auch die Resignierten und die Kopfgesteuerten. Nur das Ende hätte Jane Austen wohl etwas anders erzählt …

Alison Lurie war für mich eine Entdeckung, und ich werde sicherlich noch mehr Romane von ihr lesen. Leider wird sie nicht mehr neu aufgelegt, was sehr bedauerlich ist. Antiquarisch findet man einige ihrer Bücher aber zum Beispiel auf zvab.de

Ein unbeschriebenes Blatt von John Colapinto (287 Seiten)
übersetzt von Sonja Hauser

Dieses Buch reizte mich vor allem aufgrund der psychologisch interessanten Ausgangslage: Cal Cunningham ist ein Möchte-gern-Schriftsteller, der Teilzeit in einer Buchhandlung arbeitet und sich – mit der Begründung, Material für seinen Roman zu sammeln – einem One-Night-Stand nach dem anderen hingibt. Die kleine Bude teilt er sich mit dem langweiligen Jura-Studenten Stewart Church. Die beiden gehen sich aus dem Weg, einzig die Berichte über seine nächtlichen Eskapaden, die Cal Stewart täglich erstattet, schafft eine lockere Verbindung zwischen den beiden. Eines Abends bittet Stewart Cal sehr verunsichert um eine Meinung zu einer Kurzgeschichte, die er geschrieben hat. Dass Stewart schreibt, ist eine grosse Überraschung für Cal. Und Stewarts Geschichte haut ihn um. Cal verbringt eine schlaflose Nacht, in der er nicht nur von Eifersucht gebeutelt wird, sondern auch von der Erkenntnis, dass er, der sogenannte Schriftsteller, all die Jahre keine einzige Zeile geschrieben hat, während sein unscheinbarer Mitbewohner neben seinem Studium … Am nächsten Morgen durchsucht Cal Stewarts Zimmer und findet dort ein fertiges, brillant geschriebenes Manuskript für einen Roman – über Cals nächtliche Erlebnisse und Eroberungen! Cal will Stewart damit konfrontieren, doch Stewart kommt nicht mehr nachhause – zu diesem Zeitpunkt ist er bereits tot.

Die Versuchung ist zu gross
Cal kann nicht widerstehen und gibt das Manuskript als sein eigenes aus – immerhin, so findet er, hat er Stewart ja das Material dazu geliefert. Also hat eigentlich Stewart ihm die Geschichte gestohlen, nicht umgekehrt. Schnell findet sich ein windiger Agent, der das Potenzial des Manuskripts sofort erkennt und es auch gleich an Hollywood verscherbelt. Cal erhält Unsummen von Vorschüssen und ist plötzlich berühmt. Doch er hat sich damit in eine Geschichte manövriert, aus der er nicht so leicht wieder herauskommt. Dass ein ausgedrucktes und noch von Stewart verschicktes Exemplar des Manuskripts seine Empfängerin erreicht, kann Cal gerade noch verhindern. Aber dann taucht eine skrupellose und ihm nicht ganz unbekannte Erpresserin auf. Immer tiefer verstrickt sich Cal nun in ein Lügengeflecht. Besonders brisant macht seine Lage, dass er sich in eine ehemals von Stewart Angebetete verliebt und sie heiratet. Lange Zeit ist er davon überzeugt, sich freikaufen zu können, doch die Forderungen der Erpresserin werden immer dreister.

Und so entwickelt sich dieser Roman zu einem zügig und sprachlich ausgefeilt erzählten Thriller. Ausser der Ehefrau des Protagonisten fand ich die Figuren gut ausgearbeitet. Mit Cal konnte ich anfangs mitfühlen, verstand seine Frustration und später seine Angst, alles zu verlieren – auch die Liebe seiner Frau – sollte die Lüge ans Licht kommen. Er ist zwar ein Betrüger, wenn auch kein skrupelloser, aber für meinen Geschmack mit der Zeit doch ein etwas zu naiver. Sprachlich hat mich das Buch überzeugt, psychologisch grösstenteils auch; allerdings nicht, weil das Buch zu einem Thriller ausartet, sondern trotzdem. Wer flotte, spannende Geschichten mag, die sprachlich gut erzählt sind, dem wird dieses Buch ein lohnenswertes Leseerlebnis bescheren.

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