Nach dem durchmischten Juni zeigte sich der Lesemonat Juli von seiner besten Seite. Zwar hatten darin nur drei Bücher Platz mit insgesamt 752 Seiten, aber davon habe ich jede einzelne gern gelesen und viele davon richtiggehend genossen. Da ich, antizyklisch, im Sommer nur selten physisch verreise, tourte ich stattdessen mit meinem Lesestoff ein wenig durch Europa – mit Start in Irland, einem Zwischenhalt in Dänemark und dem krönenden Abschluss in Sizilien. Wie war euer Juli? Zeit für Bücher im Liegestuhl? Wie immer freue ich mich über Kommentare – gerne auch über die besprochenen Bücher.

Kleine Dinge wie diese von Claire Keegan (112 Seiten)
übersetzt von Hans-Christian Oeser

An Büchern wie diesem mag ich nur eines nicht: dass sie so dünn sind. Gerade mal 112 Seiten hat diese Novelle, aber sie hat mich vollkommen überzeugt.

Ein Städtchen namens New Ross im Südosten der Republik Irland, man schreibt das Jahr 1985. Kohlenhändler Bill Furlong hat alle Hände voll zu tun, denn der Winter ist kalt, Weihnachten steht vor der Tür. Dass sein Auftragsbuch voll ist und er seine Frau und seine fünf Töchter gut durch die Zeiten bringt, weiss er zu schätzen. Er ist beliebt, zu jedermann freundlich und verschenkt gerne mal das Kleingeld in seinen Taschen. Zu seinen Kunden zählt auch das Nonnenkloster, das über der Stadt thront und eine Wäscherei betreibt. Man munkelt, dass dort gefallene Mädchen unter unwürdigen Bedingungen leben und als Arbeitskräfte in der Wäscherei Busse tun. Doch die Kirche hat Einfluss und Macht, niemand will sich mit ihr anlegen; man schweigt, schaut weg.

Wir begleiten Furlong durch seinen Tag und lernen ihn durch einige Begegnungen, sein Verhalten, aber auch seine Gedankengänge kennen. So erfahren wir, dass er selbst grosses Glück gehabt hat, denn auch seine Mutter wurde sehr jung und vor allem ledig schwanger. Doch ihre gut situierte Arbeitgeberin hat sie nicht fallen lassen, der Junge wuchs fast privilegiert auf und erhielt sogar eine Ausbildung. Über seinen Vater weiss Furlong nichts, was ihn, gerade kurz vor Weihnachten, beschäftigt. Auch sonst schleichen sich je länger je mehr Gedanken ein, die ihm bisher fremd waren. Als fehle ihm etwas, als sehe er plötzlich den Sinn des Ganzen nicht mehr. Immer wieder kommt Furlong zu der Feststellung zurück, dass auch kleine Dinge aus der Nähe betrachtet ganz anders wirken als aus der Ferne.

In dieses Sinnieren fällt eine Kohlenlieferung zum Kloster, bei der er durch Zufall eine verstörende Entdeckung macht. Zwar lässt ihn der Umschlag mit dem Weihnachtsgeld, das die Oberin ihm überreicht, zunächst schweigen. Doch die Begegnung lässt ihn nicht mehr los. Kann er tatsächlich sein einfaches, aber gut behütetes Leben weiterführen, nun, da er gesehen hat, was sich hinter den Klostermauern verbirgt?

Ein dunkles Kapitel
Das Buch widmet sich einem dunklen Kapitel in der Geschichte Irlands, das fast in Vergessenheit geraten ist: die Magdalenenheime. So wurden Einrichtungen genannt, die gefallene Mädchen und Frauen aufgenommen haben, um ihnen angeblich einen Weg zurück zu Gott und in die Gesellschaft zu ermöglichen. Doch diese Mädchen mussten unter grässlichen Bedingungen schuften bis zum Umfallen, viele überlebten nicht. Ihre Kinder wurden ihnen weggenommen und «zur Adoption freigegeben», was sich oft als einträgliches Geschäft erwies. Erst 1996 wurde das letzte Heim dieser Art geschlossen. (Hier sei auch der Film «Philomena» empfohlen.) Die Grundfrage dieser Novelle ist aber: Wie geht die Gesellschaft damit um? Hin- oder wegschauen? Dementieren? Oder, wie Furlongs Frau es macht, froh sein, dass es einem besser geht und dass man nichts damit zu tun hat? Bill Furlong muss sich entscheiden: «… fragte er sich, ob es überhaupt einen Sinn hatte, am Leben zu sein, wenn man einander nicht half. War es möglich, all die Jahre, die Jahrzehnte, ein ganzes Leben lang weiterzumachen, ohne wenigstens einmal den Mut aufzubringen, gegen die Gegebenheiten anzugehen, und sich dennoch Christ zu nennen und sich im Spiegel anzuschauen?»

Die Geschichte wird von Claire Keegan in einer zurückhaltenden, ruhigen, aber eindringlichen Sprache erzählt und entwickelt dabei eine kraftvolle Atmosphäre und Intensität. Keegan ist eine jener Autorinnen, die es verstehen, mit wenigen Worten eine ganze Welt zu erschaffen. Eine grosse Lese-Empfehlung.

Ein anständiger Mensch von Jan Christophersen (352 Seiten)

«Eins passierte nach dem anderen. Wie hätte es auch anders sein können? Die Gegenwart, in der wir uns befanden, wusste nicht, was nach ihr kam, und der Scheinwerfer der Erinnerung leuchtete noch nicht mit seinem voreingenommenen Licht die Szene aus.»

Diese ersten Sätze der Geschichte sagt Steen Friis, studierter Philosoph und Autor mehrerer Bestseller zu Fragen des Anstands. Er gilt als «Anstandsonkel» und wird von der Presse zitiert, sobald die richtige Haltung zum aktuellen Weltgeschehen zur Debatte steht. Steen hat sich bequem in dieser Rolle eingerichtet und für Konversationen immer ein paar Anekdoten zum Thema auf Lager. Doch dann verbringt er mit seiner Frau, einer Freundin und deren neuem Partner ein Wochenende in seinem dänischen Inseldomizil, seinem Rückzugsort zum Schreiben. Als ob er eine Vorahnung gehabt hätte, schlägt er seiner Frau kurz vor Ankunft der Gäste vor: «Komm, lass uns abhauen. Noch ist Zeit.» Sie tun es nicht, die Freunde kommen an, und von Beginn an besteht ein gewisses Ressentiment zwischen Steen und dem neuen Partner seiner langjährigen Freundin. Als ihn seine Frau dann beim gemeinsamen Pilze Suchen ganz beiläufig an ein altes Versprechen erinnert, das sich die beiden gegeben haben, gerät Steen ins Straucheln; das Paar versprach sich gegenseitig grösstmögliche Freiheit, auch in der Liebe (wobei es sich hier nicht um «Liebe», sondern um sexuelle Abenteuerlust handelt). Plötzlich muss sich Steen an genau jenen Massstäben messen, die er sonst so gerne auf andere anwendet. In den folgenden Stunden knistert und zischt es nur so zwischen den vier Figuren, ihre Interaktionen sind unterlegt mit Anspielungen, subtilen Kränkungen, verletzten Gefühlen, Ängsten und Missverständnissen. Doch bevor Steen die Tragweite der Einforderung dieses Versprechens begreift, geschieht ein Unglück, für das er sich verantwortlich fühlt und das sein gesamtes Weltbild erschüttert.

Christophersen lässt seinen Protagonisten zuerst Rückschau auf die Ereignisse dieses Wochenendes halten im Teil «Davor». Im «Danach» geht es um die Auswirkungen des Unglücks; die körperlichen, aber vor allem die moralischen. Steen stellt sich Fragen nach Schuld und Sühne, nach Moral und Verantwortung, über Ursache und Wirkung. Und dabei verfällt der Philosoph, trotz seiner grossen und tiefgehenden Gedanken, in eine lähmende Sprachlosigkeit.

Angenehm indirekt
Das Buch fragt nach, wie wichtig Moral und Anstand sind, ob «Freiheit in der Liebe» wirklich praktizierbar ist, warum Menschen, wenn sie am dringendsten miteinander reden sollten, oft sprachlos sind und was Mutmassungen über andere anzustellen vermögen. Die Antworten darauf sind vielschichtig und angenehm indirekt. Sprachlich überzeugen die atmosphärischen Beschreibungen der Landschaften und der Settings genauso wie die Verständlichkeit, mit der komplexe Gedanken formuliert sind.

Ein Pageturner ist dieses Buch allerdings nicht. Trotz mehreren überraschenden Wendungen lässt sich der Autor Zeit, ergründet seine Figuren und räumt ihnen Platz ein. Zwischentöne und Anspielungen tragen die Geschichte genauso wie die Handlung selbst. Streckenweise – vor allem im dänischen Inselhaus – wähnt man sich gar in einem Kammerspiel. Wer sich gerne auf Figuren einlässt, grundlegende Themen des Zusammenlebens ergründet und es mag, von der Handlung überrascht zu werden, wird an diesem Roman seine Freude haben. Mich hat das Buch auch nach dem Lesen noch lange beschäftigt. Eine klare Empfehlung.

La Cucina Siciliana oder Rosas Erwachen von Lily Prior (256 Seiten)
übersetzt von Michael Schulte

Dass sich an diesem Buch die Geister scheiden, ist verständlich, sind doch die Geschmäcker sowohl in der Küche als auch im Bett sehr unterschiedlich. Und wenn dann das Bett noch in die Küche verlegt wird … aber ich greife vor. Vorab aber dies: Dieses Buch ist prallvoll mit Sinnlichkeit, skurrilen Gestalten, Humor, Tragik und magischem Realismus – nicht zu vergessen die Rezepte.

Die Ich-Erzählerin Rosa Fiore, Bauerstochter aus einem kleinen Ort im Osten Siziliens kocht leidenschaftlich gerne. Kochen ist für sie aber auch Krisenbewältigung. Auf dem Bauernhof ist die Mutter unangefochtene Herrscherin, Rosa neben unzähligen Brüdern die einzige Tochter und wird von der Mutter mit Sperberaugen bewacht. Die Mafia ist allgegenwärtig, immer mal wieder verschwinden Menschen, so auch Rosas Vater. Trotz allem gelingt es Rosa, sich mit siebzehn für ein Schäferstündchen mit ihrem Angebeteten Bartolomeo zu treffen, der danach nach Amerika fliehen und Rosa nachholen wollte, da ihn sein Vater einer anderen versprochen hat. Aber er kommt nur bis zur Bushaltestelle, wo er für sein Aufbegehren gegen die Pläne seines Vaters mit dem Leben bezahlt. Harte Sitten. Untröstlich und in Ungnade gefallen flieht Rosa nach Palermo und arbeitet mehr als zwanzig Jahre in einer Bibliothek. Einsam, gehänselt und vom Leben enttäuscht welkt sie langsam vor sich hin. Einzig das Kochen in ihrer winzig kleinen Wohnung bringt etwas Freude in ihr farbloses Leben.

Doch dann taucht eines Tages ein geheimnisvoller Engländer in der Bibliothek auf, der Nachforschungen über die Geschichte der sizilianischen Kochkunst betreibt, und beim ersten Blick ist es um die beiden geschehen. Ziert sich Rosa anfangs noch, so verliert der Engländer keine Zeit, und als Rosa ihm anbietet, ihm das sizilianische Kochen beizubringen, fallen die Hüllen – die inneren genauso wie die äusseren.

Der Sommer ihres Lebens
Der gemeinsame Sommer ist rauschhaft, voller Sinneslust, pikant gewürzt, es brodelt heiss, und das nicht nur in den Kochtöpfen. Rosa scheint alles, was sie schon längst abgehakt hat, nachholen zu können; sie führt den Engländer in die Kochkunst ein und er sie in die Kunst der Liebe und der Erotik. Rosa schwimmt in Glückseligkeit. Aber dann verschwindet auch der Engländer …

Die Geschichte spielt in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, erzählt ist sie in einem erfrischenden, humorigen Ton, der dennoch auch die Traurigkeit der Realität dieser Welt vermitteln kann; wenn zum Beispiel die älteren Brüder bestimmen, was für die Schwester gut ist und sich nicht scheuen, Menschen «aus dem Weg zu räumen», die ihren Vorstellungen nicht entsprechen. Armut, archaische Lebensbedingungen und Aberglauben stehen im Kontrast zur Vitalität und der ungebremsten Leidenschaft der Menschen, und natürlich kommen auch die sizilianischen Klischees nicht zu kurz. Die Erotik ist zuweilen derb und skurril, verfällt aber nie ins Abstossende. Sehr schön fand ich, dass Rosa weder schön noch schlank ist. Sie ist dickleibig, unauffällig, ohne äussere Raffinessen. Doch ihr Liebhaber bringt alle ihre Vorzüge ans Licht.

La Cucina Siciliana ist ein schräger, prallgefüllter und gut gewürzter Roman mit einigen neuen Ideen für Küche und Schlafzimmer und macht dem Untertitel Roman der Begierden alle Ehre. Ein sommerliches, sinnliches Lesevergnügen.

Lesemonat Juni 2022 als PDF.

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Comments

Lesemonat Juli 2022 — 3 Comments

  1. Pingback:Die Bücher im Juli - Welt des Schreibens

  2. Hallo Sabina

    deine Würdigung von Claire Keegans Novelle interessiert mich sehr, ich werde das Buch lesen. Vielleicht darf ich hier erwähnen, dass Anfangs September mein neuer Krimi “Die Toten von Cork” bei grafit Köln erscheint, in dessen Zentrum ebenfalls die Untaten der irischen katholischen Kirche und insbesondere die Magdalenenheime stehen. Das Thema ist tatsächlich hierzulande eher unbekannt, obwohl die vorläufig erschreckendsten Entdeckungen bloss vor 10 Jahren geschahen. Und die gründliche Aufarbeitung durch die Kirche lässt auf sich warten…

    Einen schönen weiteren Lesesommer wünscht dir
    Gerlinde Michel

    • Liebe Gerlinde
      Herzlichen Dank für deinen Kommentar. Gerne darfst du auf deinen Krimi hinweisen. Ich bin zwar keine Krimileserin, aber es ist interessant, dass es um das gleiche Thema geht. Ich wünsche dir viel Erfolg damit!
      Herzliche Grüsse,
      Sabina

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