Im November habe ich drei Bücher fertig gelesen und zwei abgebrochen. Insgesamt waren es 698 Seiten (die der abgebrochenen Bücher nicht gezählt). Drei Bücher habe ich neu erstanden (teilweise Second Hand) und zwei stammten aus meinem Regal. Ein Buch hat es in die Lese-Empfehlungen geschafft.

Fallers grosse Liebe von Thommie Bayer (200 Seiten)

Ich-Erzähler Alexander Storz führt ein Buchantiquariat und kann damit knapp sein Auskommen bestreiten. Ansonsten lässt er sich ziemlich ziellos durchs Leben treiben. Eines Tages steht Marius Faller in seinem Laden und will ihm seine Bibliothek verkaufen, doch diese Kostbarkeiten sind für Storz drei Nummern zu gross. Stattdessen bietet ihm Faller einen Kurzjob als sein Chauffeur an, weil er den Führerschein abgeben musste. So tingeln die beiden südwärts durch die deutschen Universitätsstädte, in denen Faller Mietshäuser besitzt. In den langen Stunden unterwegs und bei den von (viel) gutem Wein begleiteten Abendessen tasten sich die beiden aneinander heran und werfen die ganz grossen Fragen des Lebens auf. Faller erzählt von seiner grossen Liebe, was beim Ich-Erzähler Erinnerungen an seine verlorene Jugendliebe Agnes zurückbringt und die Frage, ob vielleicht sie seine grosse Liebe war.  Je mehr Storz über seinen Auftraggeber erfährt, desto mehr bildet er sich über ihn eine Meinung: Zuerst bewundert er ihn, dann verurteilt er ihn, dann tut er ihm leid, dann mag er ihn wieder etc., und das alles basierend auf seinen eigenen, meist gänzlich falschen Interpretationen. Menschlich eben. Dennoch entwickelt sich zwischen den beiden eine Art stiller Freundschaft. Das Beste an diesem Buch ist der Schluss; einer jener Schlüsse, die in einem den Wunsch wecken, das Buch gleich nochmals von vorne zu beginnen, weil es die ganze Handlung in ein komplett neues Licht rückt. Ganz toll gemacht. Weniger toll fand ich die Szene auf dem Schiff. Einerseits ist es doch ein wenig sehr zufällig, dass genau im richtigen Moment die Stromversorgung ausfällt und alles dunkel wird. Andrerseits hat die Interaktion, die dort stattfindet, für mich etwas Abschätziges, den Männerfantasien Entsprungenes und sehr Realitätsfremdes, vor allem was das Verhalten dieser wunderschönen, selbstsicheren und unabhängigen Frau betrifft. Und dass sie danach noch sagen soll “Es war toll” – na ja … Ansonsten: Ein lebenskluges Buch, geschrieben in einer angenehmen Sprache, das einem mitfühlen lässt und vor allem zum Nachdenken anregt. Lesenswert!

Die Kraft und die Herrlichkeit von Graham Greene (175 Seiten)

Dieses Buch stand schon seit Jahren auf meinem Regal. Ich hatte von Graham Greene schon “Unser Mann in Havanna” und “Das Herz aller Dinge” gelesen, die mir gut gefallen haben. Dieses Buch habe ich abgebrochen. Die Sprache wirkte sehr ältlich (Erscheinungsjahr 1953), die Charaktere sprachen mich nicht an, und die auktoriale Erzählweise, die ich sonst gerne mag, war mir zu distanziert. Auch Ort und Zeit der Handlung konnten mein Interesse nicht wecken.

 

Ethan Frome von Edith Wharton (114 Seiten)

Ethan Frome wurde bereits 1911 publiziert, also noch einiges früher als “Die Kraft und die Herrlichkeit”, aber hier hat mich die Sprache begeistert. Und das, obwohl das Buch – oder besser Büchlein – in vielen Punkten nicht meinem Beuteschema entspricht : Klassiker, kurz, hoffnungslose Liebesgeschichte, die unglücklich endet. Und dennoch hat es mich vollends überzeugt. Warum und worum es geht, könnt ihr in der Lese-Empfehlung nachlesen.

 

Glück ist, was wir daraus machen von Lorenzo Marone (384 Seiten)

Anfangs dachte ich, ich hätte es mit einem oberflächlichen Unterhaltsroman zu tun, was ja meine Sache nicht so ist. Geschuldet war dieser Eindruck vor allem dem schnoddrig-frechen Erzählton der Ich-Erzählerin Luce di Notte. Sie lebt im Spanischen Viertel von Neapel, ist Anwältin – hat aber bisher noch keinen eigenen Fall erhalten – und wurde vor kurzem verlassen. Dann erhält sie ihren ersten Auftrag, der den roten Faden der Geschichte bildet. Doch es ist ein Auftrag, der ihr widerstrebt; sie soll eine Frau ausspionieren und herausfinden, ob diese eine gute Mutter ist, da ihr Mann ihr das Sorgerecht für den siebenjährigen Sohn entziehen will. Luce freundet sich mit Mutter und Sohn an, der Gewissenskonflikt ist vorprogrammiert und zwingt sie dazu, nicht nur Farbe zu bekennen, sondern auch einige Themen in ihrem Leben anzuschauen. Der Klappentext ist etwas irreführend, denn in diesem Buch geht es um viel mehr; um Familie und was sie mit einem machen kann – im Guten wie im Schlechten – um Vergebung, Freundschaft und die Frage, ob man bleiben oder gehen soll. Vieles wird in Rückblenden erzählt. Die Figuren sind fast alle gut gelungen, lebendig und lebensnah. Am eindrücklichsten ist Luce selbst: eigenwillig, temperamentvoll, vertritt sie ihre Werte und Ansichten lautstark, sie hat Herz, aber auch viel Wut in sich.
Ich habe das Buch gerne gelesen, denn die teilweise humorvolle Erzählweise hat den schwierigen Themen die Schwere genommen, ohne sie abzuschwächen. Ebenfalls bemerkenswert, wie der Autor sich in eine weibliche Hauptrolle eingefühlt hat. Etwas zweifelhaft (und männlich) erschien mir aber die These, dass jede Frau, die lieber Karriere machen will statt als Hausfrau und Mutter zu leben, nur den richtigen Mann noch nicht getroffen habe; geschieht das aber, kommt dann auch gleich noch der Kinderwunsch auf … Ausserdem war mir das Ende einen Tick zu harmonisch, und die Auflösung mit dem Camorra-Boss schlicht unglaubwürdig. Alles in allem aber ein angenehmes Leseerlebnis, das auch mit einigen bemerkenswerten Aussagen aufwarten kann, z.B. “Es gibt im Leben wenige wichtige Momente, die wir häufig gar nicht als solche wahrnehmen. Doch sie verfolgen uns mit einem Meter Abstand, und wenn wir uns umdrehen, ist schon alles geschehen, unabänderlich, im Guten wie im Schlechten.” (S. 255) Übersetzt hat das Buch Esther Hansen.

Alle Farben des Schnees von Angelika Overath (255 Seiten)

Dieses Buch soll angeblich atmosphärisch geschrieben sein und “spannender als ein Roman”, wie die Frauenzeitschrift Brigitte proklamierte. Also ich weiss ja nicht, was die für Romane lesen, aber wenn das hier spannend sein soll … Am meisten hat mich der abgehackte, kurzatmige Schreibstil gestört, kurzer Hauptsatz folgt kurzem Hauptsatz, als ob Nebensätze unheimlich teuer oder nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen wären. Wir erfahren in diesem Stil, was im Garten alles wächst, was im Garten der Nachbarin wächst, was auf der Ostseite des Hauses wächst, was auf der Westseite, dass irgendwo ein aufgeschlitztes Reh hängt und in irgendeinem Kofferraum zwei geschossene Gämsen, wo der nächste Weg links oder rechts abzweigt, dass der Hund voraus rennt usw, usw. Zuweilen glaubte ich mich in einem Schulaufsatz aus der zweiten Klasse. Erstaunlich, denn diese Autorin arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin. Wie auch immer: Das Buch ist definitiv nicht meins, und deshalb habe ich es abgebrochen.

Hier findet ihr den Lesemonat November als PDF.

 

 


Comments

Lesemonat November 2021 — 2 Comments

  1. Liebe … wo zum Kuckuck finde ich Ihren Namen?

    Von Zeit zu Zeit bekomme ich Ihren Newsletter, habe heute aufmerksam die Buchbesprechungen vom Dezember und November angesehen – sehr schön gemacht, übrigens! Ich bin ebenfalls Autorin und veröffentliche auf meiner Webseite unter “Was ich lese” gelegentlich Kommentare zu meiner Lektüre, formal allerdings nachlässiger und weniger konsequent geschrieben als die Ihren.
    Weshalb ich heute diesen Kommentar schreibe: es hat mich gefreut, dass Sie hochgejubelte Werke wie das Tagebuch von Angelika Overath so unverblümt vom Sockel stupfen, wie Sie das getan haben. Ich habe Overath zwar nicht gelesen aber kann mir lebhaft vorstellen, wie sich das gelesen hat. Mir ging es mit der Kopenhagener Trilogie von Tove Ditlevsen sehr ähnlich wie Ihnen. Ringsum nichts als Lob etc., ich machte mich erwartungsvoll hinter die Lektüre und war enttäuscht, vor allem von Band 2. Was mir so durch den Kopf ging, eben auf der Webseite.
    Weiterhin viel Spass und Erfolg bei allen Ihren Unternehmungen!

    • Liebe Frau Michel
      Ganz herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Meinen Namen finden Sie jeweils am Ende des Intros im Newsletter oder im “Über mich”.
      Es freut mich, dass ich mit meinen Ansichten über hochgelobte Bücher nicht alleine bin. Da meine Lesemonate von niemandem gesponsert oder anderswie unterstützt werden, bin ich meinen Beurteilungen völlig frei, was mir sehr wichtig ist. In die Kopenhagener Trilogie habe ich kurz reingeschnuppert (ich glaube, es war Band 2) und gleich gemerkt, dass das nichts für mich ist. Ich habe zum Glück auch keine Skrupel, Bücher abzubrechen, die mir nicht gefallen – es gibt genug andere Bücher, die noch darauf warten, gelesen zu werden!
      In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch viele Bücher nach Ihrem Geschmack und freue mich, wenn Sie ab und zu bei meinen Lesemonaten und Lese-Empfehlungen vorbeischauen.
      Herzlich, Sabina Haas

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