Auch der September war von hinten bis vorne mit Arbeit, Terminen und langen To-do-Listen gefüllt – zum Glück ist diese Zeit jetzt erst mal wieder vorbei und es reicht sogar für ein paar Tage Ferien. Dennoch schaffte ich im September zwar nur drei Bücher, aber die ergaben insgesamt stolze 1’288 Seiten (sage und schreibe nur eine Seite weniger als in meinem bisher stärksten Lesemonat, dem Februar 2022). Alle drei Bücher haben mir gefallen, alle drei kann ich empfehlen. Kennt ihr eines davon? Was hattet ihr im September für Lese-Erlebnisse? Ich freue mich wie immer über eure Kommentare!

Für die kommenden Lesemonate habe ich mir übrigens etwas einfallen lassen, und zwar zum Thema «Welches Buch lese ich als nächstes?». Ihr dürft also gespannt sein …

Töchter von Lucy Fricke (240 Seiten)

Töchter ist ein Buch über Freundschaft, unumgängliche Abschiede und über Väter, die sich zu früh oder zu spät aus dem Staub machen. Es ist ein Roadtrip zweier Frauen, die in der Mitte ihres Lebens gestrandet sind, irgendwie unglücklich, aber doch auch wieder nicht. Lucy Fricke erzählt mit messerscharfem Humor, der manchmal weh tut, und einer Alliance aus Leichtigkeit und Tiefsinn.

Die Ich-Erzählerin Betty wird von ihrer gleichaltrigen Freundin Martha gebeten, gemeinsam mit ihr ihren todkranken Vater in eine Sterbeklinik in der Schweiz zu bringen. Und da dieser unbedingt in seinem abgetakelten Golf dorthin gefahren werden möchte, Martha aber nach einem schweren Unfall nicht mehr Auto fährt, soll ihre beste Freundin sie chauffieren. Unterwegs stellt sich irgendwann heraus, dass der Vater gar nicht zur Sterbeklinik, sondern an den Lago Maggiore will, zu seiner Jugendliebe, einer gelernten Krankenschwester, die ihn offenbar bis zum nahen Tod pflegen will. Nachdem die beiden Freundinnen ihn dort abgesetzt haben, hat keine so richtig Lust, wieder heimzufahren. Und so entwickelt sich die Reise zu einer, die sich nicht nur um Martha und Kurt, sondern auch um Betty und ihre verschwundenen Väter dreht. Besonders ihren geliebten Ziehvater will Betty schon seit zehn Jahren suchen.

Die Reise führt sie tatsächlich auf dessen Spuren, in so manche skurrile Situation, nach Italien und schliesslich nach Griechenland, doch vor allem führt sie sie in die eigene Vergangenheit, in die Abgründe der eigenen Geschichte und zu der Frage, warum man eigentlich so ist, wie man ist. Dieser Roadtrip mutet zuweilen etwas wahnwitzig an, die Opferhaltung der Frauen kann einem manchmal etwas auf die Nerven gehen, und im letzten Drittel wirkt die Handlung ein wenig überladen. Dennoch liest sich das Buch mit einer spannenden Mischung aus Vergnügen und Betroffenheit, die die Autorin geschickt balanciert. Dies schafft sie mit trockenem Humor, gepaart mit einem leicht melancholischen Ton und einem beeindruckenden Verständnis für ihre Figuren und für das Leben selbst. Immer wieder hält man bei Sätzen inne, die in ihrer Grossartigkeit so lapidar daherkommen oder einen einfach zum Lächeln bringen:

S. 8: «So etwas konnte irgendwann zu einem Problem werden, wie eigentlich alles irgendwann zu einem Problem werden konnte, besonders die Liebe, besonders die Männer.»

S. 161: «Die wenigsten fanden ihr Glück in Italien, da suchten einfach zu viele. In Italien hatten die Deutschen kein Glück, da hatten sie Häuser.»

S. 161: «Es gab Reisen, die kannten keine Gesellschaft, sondern fanden so tief im Inneren statt, dass man froh sein konnte, wenn man sich selber dort traf.»

Lucy Frickes Schreibstil ist es, der einem die leichten Klischees, die sich einschleichen, sowie die überfrachtete Handlung im letzten Drittel verzeihen lässt. Insgesamt ein überzeugendes, unterhaltsames aber auch zum Nachdenken anregendes Buch; ich werde von der Autorin sicher noch mehr lesen.

50 Sätze, die das Leben leichter machen von Karin Kuschik (312 Seiten)

Wer wünscht sich nicht dann und wann, mit etwas mehr Souveränität ausgestattet zu sein? Wer ärgert sich nicht darüber, dass sich die passenden Antworten erst Stunden später im Kopf zusammenfinden, statt einem rechtzeitig einzufallen? Antworten, die eine Situation deeskalieren, die das Gegenüber verblüffen, aber nicht angreifen oder verletzen. Fünfzig solcher Antworten – oder eben Sätze – hat Karin Kuschik, über zwanzig Jahre als Selbstführungs-Coach tätig, in diesem Buch zusammengetragen.

Tatsächlich ist es meist so, dass wir unser Drama selbst kreieren, indem wir es in unseren Aussagen an Klarheit, Abgrenzung und Wertschätzung fehlen lassen. Wenn uns zum Beispiel jemand treffen will, der uns einfach nur langweilt. Natürlich kann man Ausreden erfinden, aber damit erreicht man höchstens einen Aufschub, oder irgendwann dicke Luft. Oder der Arbeitskollege unterbricht einem in der Sitzung ständig. Sätze wie «Du fällst mir immer ins Wort» bringen da leider gar nichts. Warum das so ist und wie man stattdessen reagieren kann, das erklärt die Autorin auf witzige und lebensnahe Art und Weise.

Ich-Botschaften
Allen diesen griffigen Formulierungen ist gemeinsam, dass sie Klarheit schaffen und dass sie auf Ich-Botschaften basieren. Die langweilige Verabredung könnte man beispielsweise mit dem Satz «Im Moment treffe ich mich am liebsten mit mir selbst» abwehren. Statt Aussagen oder Verhaltensweisen anderer Menschen zu interpretieren – und das leider meist falsch – kann man einfach sagen: «Ich bin mir nicht sicher, was das heisst.» Ein Kniff mit grosser Wirkung ist auch, das Wort «aber» durch «und» zu ersetzen, also: «Ich verstehe Sie absolut, und ich möchte gerne etwas Anderes.» Wer oft unbedacht etwas zusagt oder Aufgaben zugeschoben bekommt, sollte sich die beiden Sätze «Das möchte ich dir lieber nicht versprechen» und «Ich fühle mich hier gar nicht zuständig» merken. Sätze, die Wunder wirken können.

Anfangs können sich diese Aussagen etwas seltsam anfühlen. Daher rät Karin Kuschik, sie bei harmlosen Situationen einzuüben. So wirken sie irgendwann vertraut und man weiss, dass sie tatsächlich funktionieren. Das beweist die Autorin mit vielen Geschichten aus dem wahren Leben, in denen diese Sätze Gold wert waren. Üben führt auch dazu, dass wir uns in den entsprechenden Situationen dann auch an diese Sätze – oder Abwandlungen davon – erinnern. Gelassenheit und innere Souveränität stellen sich da fast von allein ein.

Ein sehr inspirierendes, locker geschriebenes Buch, bei dessen Lektüre man sich die nächste brenzlige Situation schon fast herbeiwünscht. Mein Lieblingssatz ist übrigens «Wer mich ärgert, bestimme immer noch ich». Klasse, oder?

Der Raritätenhändler von Charles Dickens (736 Seiten)
übersetzt von Christine Hoeppener

Ein richtiger Schmöker ist dieses Buch mit seinen 736 Seiten (und die sind mit kleiner Schrift und engem Zeilenabstand bedruckt …), es erschien erstmals 1841. Die Sprache wirkt etwas antiquiert, und Dickens erzählt ausschweifend und detailreich. Der auktoriale Erzähler weiss mehr als der Leser, richtet sich dann und wann auch mal direkt an ihn. Für ein solches Buch muss man sich Zeit nehmen, sich darauf einlassen. Aber wenn man das tut, kann es eine wunderbar entschleunigende Wirkung entfalten.

Die 14-jährige Nell lebt bei ihrem Grossvater, der einen Raritätenladen betreibt und sie jede Nacht alleinlässt; niemand weiss so recht, wo er hingeht. Klar ist, dass der Gnom und Widerling Daniel Quilp Macht über ihn hat. Eines Tages kann Quilp dem Grossvater sogar seinen Laden und sein Haus abluchsen, und um der Schmach dieser Enteignung zu entgehen, fliehen Nell und der Grossvater in der Nacht aus London, um ein Leben als Wanderer und Bettler zu führen. Die beiden verbindet eine starke Liebe, was den Grossvater erst in diese tragische Situation gebracht hat, denn er ist dem Wahn verfallen, dass ihn, wenn er nur lange genug dem Glücksspiel frönt, das Schicksal eines Tages begünstigen wird. Er tut dies um Nells Willen, denn er will sie einfach nur glücklich sehen. Nell aber ist ein engelsgleiches Wesen, das sich nicht viel aus Geld macht, vielmehr aber aus einem friedlichen Ort, an dem sie in Ruhe mit dem Grossvater leben kann. Die beiden wandern fortan quer durch England und begegnen vielen skurrilen Gestalten; Vagabunden, Tagelöhnern, Puppenspielern, Gauklern und der Besitzerin eines Wachsfigurenkabinetts. Die einen meinen es gut mit ihnen, die anderen nicht, und sie tun sich schwer damit, die einen von den anderen zu unterscheiden. Aber auch in London, das sie verlassen haben, entwickeln sich die Dinge weiter. Wohlwollende und weniger wohlwollende Figuren haben ein Interesse daran, den Aufenthalt der beiden herauszufinden, schliessen Pakte, bei denen jeder nur auf seinen Vorteil aus ist. Verstrickungen, Missverständnisse und unerwartete Wendungen halten das Interesse des Lesers aufrecht.

Gut und Böse
Das Figurenkabinett, das uns Dickens hier vorführt, ist umfangreich. Doch die meisten Figuren – und das ist vielleicht eine Schwäche dieses Romans – sind entweder eindeutig und unumstösslich gut, wie etwa Nell oder Kit, oder eben das Gegenteil wie Daniel Quilp oder das Geschwisterpaar Brass. Selten findet in den Figuren eine Entwicklung statt, selten entpuppt sich eine Figur als Shapeshifter. Dies macht diese Geschichte etwas «einfach» und lässt die Figuren gelegentlich wie Karikaturen wirken. Doch diese Überzeichnung der Charaktere ist ein Markenzeichen des Schriftstellers, ebenso wie seine in Satire gehüllte Gesellschaftskritik. Besonders berührend hingegen sind die philosophischen Passagen, etwa die Szene, in der sich zwei betagte Totengräber über das mögliche Alter einer Verstorbenen unterhalten, der sie die letzte Ruhestätte bereiten. Um den Vergleich mit dem eigenen Alter – und somit dem drohenden Tod – möglichst weit von sich zu schieben, wird die Dame um mindestens zehn Jahre älter gemacht. Zu solchen kleinen Nebenbühnen führt uns Dickens des Öfteren, und man folgt ihm gerne. Bildgewaltig sind auch die Beschreibungen, etwa des nebeligen Marschlandes, der Landschaften, durch die Nell und der Grossvater ziehen, oder der Städte, die durch die Industrialisierung hässlich und gnadenlos zu werden drohen.

Insgesamt zeichnet Dickens ein lebendiges Bild des Englands im 19. Jahrhundert, indem er uns auch die Sprache und das gesellschaftliche Gebaren vor Augen führt, da und dort mit einem Augenzwinkern versehen. In seiner Mischung aus Tragödie und Komödie gehen indes weder die Hoffnung, die er den ehrlichen und charakterstarken Helden zugesteht, noch die Liebe vergessen. Und so ist dieser Klassiker zwar keine schnelle, aber eine lohnenswerte und befriedigende Lektüre. Mich hat sie daran erinnert, wie ich früher oft stunden- oder gar tagelang in solche Schmöker eintauchte und alles um mich herum vergass. Und wie herrlich sich das anfühlte.

Lesemonat September 2022 als PDF.

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Lesemonat September 2022 — 2 Comments

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